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Strasatto

Annika Büsing, 2019

Von Strasatto ist es nur ein Steinwurf, hatte er gemeint. Ich weiß nicht, was ein italienischer Busfahrer für einen Steinwurf hält, aber, ey, ich lief schon eine echte Weile bei Gluthitze durch die Pampa. Am Start! Ein Loser mit staubigen Schuhen, Durst und einem Fels auf dem Rücken. Ich kam mir vor wie der verdammte Sisyphos, aber vielleicht war es auch Atlas, der sich so gefühlt hatte, kann sein. Am Straßenrand kullerten die Kiesel ins Tal. Ich musste lachen, weil es immer abwärts geht, weil ich blöd genug war, zwischendurch etwas anderes zu glauben. Dabei war der Gegenbeweis so einfach. Man musste nur so ein paar harmlose Kieselsteine anschauen. Ich wollte sterben, mich einfach auf den Boden legen und sterben, als endlich ein Schild auf den Campingplatz hinwies. Es waren noch etwa zehn Minuten Qual und Höllenfolter, bis ich tatsächlich ankam. Am fucking Ende der Welt. 

Da war ich. Unter der brennenden Sonne, so weit gelaufen, um jetzt vor einem Kabuff zu stehen, dessen Eingangstür schief in den Angeln hing. Ein Radio plärrte drinnen. Es war kein Mensch zu sehen. REGISTRAZIONE stand in verblichenen Lettern an der Tür. Ich setzte den Rucksack ab und mich auf den Boden vor die Tür. Ein Hauch Schatten kühlte mein Gesicht. Ich hatte den derbsten Sonnenbrand der zivilisierten Geschichte Italiens, soviel stand fest. Mir spukten wilde Bilder durch den Kopf: Zombies, meine geisteskranke Mutter, meine ersten Springerstiefel und die Flyer für die Antifa, Rom, das Sonnenlicht, das durch die Bäume fiel, die zeichnenden Studenten in der Villa Borghese. Es war alles nicht länger von Bedeutung. Es rollte mit den Kieseln ins Tal. 
„Posso fare qualcosa per aiutare?“
Sie sah nicht vergnügt aus, knurrig, genervt von soviel Pathos. Und wer konnte ihr das verdenken? Mein Italienisch war immer noch beschissen, das kommt, weil ich mich nie genug anstrenge. Ich sah sie an. Ihre Haare hingen ihr lang über die Schultern, sie trug ein Metallica-T-Shirt zu ihrer Leck-mich-Attitüde. Ich sagte nichts, weil der Satz noch nicht fertig formuliert war. Ihr Gesichtsausdruck sagte: „Loser“, und sie hatte recht.
„English?“
„German.“
„Oh Fuck“, sagte sie.
Dann schob sie die Tür auf, ging hinein, wartete auf mich. Ich stand auf und folgte ihr. Drinnen lief ein Ventilator seit den Siebziger Jahren im gleichen blechernden Rhythmus. Sie saß hinter dem Schreibtisch, schrieb mit einem abgekauten Bleistift etwas in einen Anmeldebogen und legte ihn mir schließlich hin.
„Trag dich da ein!“
Es war keine Aufforderung. Tu es, Arschloch, oder lass es, mir egal. So klang das. Auf Deutsch, dieser poetischen Sprache der Rechthaber. Ich zog das Blatt zu mir heran.
„Woher kommst du?“, fragte ich.
„Wir haben nichts gemeinsam, okay?“
„Okay.“
Ich hielt den Mund und trug meinen Namen, meine Adresse und mein Geburtsdatum ein. 
„Personalausweisnummer brauche ich nicht“, sagte sie, noch bevor ich das Feld erreichte.
Also schob ich das Blatt zurück über den Tisch.
„Wohnwagen?“, fragte sie.
„Klingt gut.“
Sie drehte sich auf ihrem Drehstuhl zur Seite, nahm einen Schlüssel von der Wand und legte ihn vor mir auf den Tisch.
„Wie lange bleibst du?“
„Ich weiß noch nicht.“
Sie stand auf.
„Komm mit“, sagte sie.

Wir liefen über den Platz. Vorbei an einer Katze, einem abgestellten Kettcar, einem Fliegenschwarm, der über einer überquellenden Mülltonne kreiste, und einer Bar, die tatsächlich geöffnet war. Vor dem Eingang saß ein Mann auf einem gelben Plastikstuhl und daddelte an seinem Handy herum. Auf dem Zeltplatz stand ein einzelnes Zelt, als hätte es jemand dort vergessen. Zwischen den Wohnwagen hüpften kleine Vögel über den Schotter. Metallica stapfte wütenden Schrittes voran. Ich folgte ihr, massiv defensiv, und versuchte, keinen Fehler mehr zu machen. Vor meinem Wohnwagen angekommen, machte sie eine Bewegung mit der Hand, die wenig zum Rest passte. Ich hob die Hand mit dem Schlüssel und sie nickte. Ein Zugeständnis.
Ich schloss die Tür auf und betrat mein neues Zuhause. Es roch und sah aus wie der Wohnwagen meiner Oma im Siegerland: Gardinen, Deckchen und ein Kreuz an der Wand. Ich musste lachen.
„Okay?“, fragte sie.
„Super“, sagte ich.
„Das Teil hat ne Dusche. Aber ich würd dir empfehlen, ins Waschhaus rüber zu gehen.“
„Is n das sauber?“
„Ich kenn die, die da putzt“, sagte sie lakonisch.
Dann ließ sie mich allein. So richtig allein.

Ich trank ungefähr sechs Bier in der Bar, die tatsächlich geöffnet war, dann schlief ich, ungefähr zwölf Stunden. Die Kiesel rollten ins Tal. Ein Junge bemächtigte sich des Kettcars, ansonsten brannte nur die Sonne vom Himmel. Es gibt Orte auf der Welt, an denen sich nichts bewegt, und an so einem Ort war ich gelandet. Ich lag im Bett und starrte an die Decke. Es gab keine Bilder mehr. Mühsam richtete ich mich auf. Es war brüllheiß. Unfassbar krass beschissen heiß. Deshalb ging ich duschen (und das Waschhaus war wirklich sauber) und cremte mich danach mit Sonnenmilch ein. Ja ha, so geil war ich! Ich schlenderte zum Mini-Markt rüber, kaufte Wasser und Zigaretten und Lakritz und eine Orange. So bewaffnet begegnete ich Metallica.
„Was mit essen?“, fragte sie.
Ich hob die Lakritztüte in die Luft und sie verdrehte die Augen.
„Kann ich irgendwo was kriegen?“, fragte ich.
„Während der Saison ja.“
„Wann ist Saison?“
Sie lachte. Das war schön, weil voll entwaffend, und für einen Moment glaubte ich wirklich, sie wollte mich gar nicht umbringen.
„Nie“, sagte sie.
Und dann durfte ich mir ihr Spaghetti essen.

Meine Mutter ist manisch-depressiv. (Bitte nicht bemitleiden jetzt! Der Grund, warum ich das jetzt hier erzähle, ist, weil ich erklären will, warum ich immer so wütend war. Ich bin es immer noch. Und wie könnte ich nicht? Sie hat mir einen Goldfisch gekauft, mit Aquarium, und ihn zwei Tage später mitten in der Nacht zu meinem Onkel gefahren und da im Teich ausgesetzt. Das ist scheiße!) Ich hab meine Mutter seit ungefähr zwei Jahren nicht gesehen. Aber es geht mir nicht schlecht deswegen. Also: deswegen nicht.
Metallica knallte mir einen Teller Nudeln vor die Nase und er war phantastisch. Wir aßen. Sie starrte mich an. Beobachtete jede meiner Bewegungen.
„Warum starrst du mich so an?“
„You’re the only entertainment.“
„Sagst du mir deinen Namen?“
„Nele.“
„Echt jetzt?“
„Nee, hab ich mir nur ausgedacht für dich.“
Sie hatte ein schönes Talent, mit jedem Wort „Idiot!“ zu sagen. Ich musterte sie, betrachtete ihre Hände.
„Ist das n Verlobungsring?“
„In der Tat.“
„Wen heiratest du?“
„Geht dich das was an?“
Ich wollte sagen: „Na ja, weil du so überirdisch glücklich wirkst.“, aber gottlob schaffte ich es, einmal in meinem Leben einfach die Fresse zu halten.

Ich hatte genau zwei Bücher dabei und die las ich abwechselnd. Ich lag oft vorm Wohnwagen, da, wo der Schatten war, und legte die Beine hoch. Metallica fand das voll albern. Zumindest wirkte das so, wenn sie hin und wieder vorbeilief, zum Waschhaus mit dem Putzeimer. Es wäre nicht nötig gewesen, denn ich war der einzige Gast, der da duschte. Manchmal dachte ich sogar, ich sei der einzige Mensch auf der Welt. Also Fakt war: Sie putzte für mich. Ich stoppte sie, indem ich ihr folgte und den Putzeimer aus der Hand nahm.
„Was wird’n das?“
„Lass mich das machen!“
„Warum?“
„Nele, ich bin der Einzige hier, der es benutzt.“
„Ja, aber du bezahlst ja auch dafür.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Oder hast du keine Kohle?“
„Doch, hab ich.“
„Dann mach doch nicht so einen Wind!“
„Sollen wir uns kloppen um den Eimer?“
Sie lachte.
„Schön, putz halt dein Klo selbst! Wenn es dich glücklich macht.“
Glücklich ist ein großes Wort. Und vermutlich hat man einfach keinen Anspruch darauf, immer glücklich zu sein, oder überhaupt je glücklich. Ich war schon ein paar Mal glücklich, so ist das nicht. Aber ich war auch oft so weit davon entfernt wie das verdammte Strasatto von Berlin. Grillen zirpten. Den ganzen Tag und die ganze Nacht. Nachts lauter. Es war die Stille dieses Ortes. Wind dagegen gab es selten. Einmal tauchte ein Zeppelin auf und warf seinen Schatten auf den Platz. Ich war geneigt zu winken, aber vielleicht war es auch nur ein Traum und ich wäre dann der Narr, der auf einem leeren Campingplatz steht und in den Himmel winkt. Also ließ ich es.
Abends durfte ich bei Metallica essen und auch nach Tagen war da noch kein potenzieller Bräutigam aufgetaucht, der mir aufs Maul hauen wollte. Nach einem Stück Fisch mit Rosmarin lehnte sie sich zurück und zog die Füße auf den Stuhl. Sie hatte lackierte Fußnägel und ein Kettchen ums Fußgelenk. Sie war eine echte Tussi.

Ab und an sah ich in der Bar vorbei, die tatsächlich geöffnet war. Je nach Tageszeit hingen da ein bis zwei Männer herum, oft war aber auch niemand außer mir da. Der Barmann und ich hatten mal ein paar Worte gewechselt, dafür reichte mein Italienisch. Direkt am ersten Tag fragte er mich, ob ich was gegen den Sonnenbrand brauche, und obwohl ich nein sagte, gab er mir eine demolierte Tube mit, in dem etwas war, das nach Tannennadeln roch. Ich benutzte es einmal, obwohl ich fürchtete, dass in der Salbe bereits ein Zersetzungsprozess begonnen hatte, und ich kann nicht sagen, ob es eine Wirkung hatte oder nicht. Zwei Tage später hatte ich sie ihm zurückgegeben und danke gesagt, und er fragte mich, ob ich Fußball mag und ich sagte Ne, Formel Eins? Ne, und er fragte: „Che cosa ti piace?“
Gute Frage, dachte ich, aber ich antwortete noch im selben Moment und ohne nachzudenken.
„Cani e politica.“
Er lachte und sagte, er treffe oft Leute, die Hunde mögen, aber selten welche, die was für Politik übrig haben. Ich sagte, ich fände es erstaunlich, dass er überhaupt Leute treffe, an einem Ort, wo die Windhexen durch die Bar wehten (nur den ersten Teil, den zweiten kriege ich auf Italienisch nicht zusammen).
Metallica rasierte sich die Beine über einer Plastikschüssel vor dem Wohnwagen und ich konnte nicht umhin, das sexy zu finden. Am Sonntagmorgen hörte man die Kirchenglocken läuten. Die Dame hatte ihr Metallica-Shirt gegen ein weißes Sommerkleid getauscht und die Haare zu einem Zopf gebunden.
„Heute ist Gottesdienst“, sagte sie. „Willst du mit?“
„In den Gottesdienst?“
„Ich dachte, du hast Langeweile.“
Dann saßen wir in ihrem Renault und fuhren runter ins Dorf. Die Leute waren gut angezogen. Ich fiel ganz schön aus dem Raster, aber die ließen mich das nicht spüren. Sie grüßten freundlich. Nele erzählte dem Pfarrer von mir, ein Gast, ist Deutscher, und die Umstehenden freuten sich für sie, so als habe sie endlich jemanden zum Spielen gefunden. Der Gottesdienst war auf Italienisch, klar, und deswegen verstand ich nur Bruchstücke wie „Herr, sei uns gnädig“ und einen Teil der Geschichte von der Heilung eines Blinden. Man musste oft aufstehen, knien, wieder aufstehen, aber es war kühl in der Kirche und das war das, was sich so tief in mein Herz bohrte. Diese klare Kühle.

Nachher fuhren wir zurück und da war er tatsächlich: Der Bräutigam. Sie küssten sich und sie stand auf den Zehenspitzen dabei. Ich ging unbemerkt zum Wohnwagen zurück und las die letzten Seiten des einen Buches. Danach schnappte ich mir den Putzeimer und putzte den Wohnwagen. Ich war gerade bei den Fenstern, als Nele und ihr Macker aufkreuzten. Er gab mir die Hand.
„André“, sagte er und das klang so bürgerlich, dass ich nicht schlecht überrascht war. Er hatte eine Stimme wie nachts um zwei und ein verbotenes Blitzen in den Augen. Ich hätte auf Diego getippt oder Carlos. Auf André wäre ich im Traum nicht gekommen.
„Lars“, sagte ich.
„Willst du mit uns essen?“, fragte Nele.
Ich machte eine unbestimmte Handbewegung.
„Wir könnten grillen“, sagte Carlos-Diego, so als meine er: Wir könnten uns nen Trip reinschmeißen. oder: Wir könnten ein Kaninchen erschießen. 
Ich ging duschen und dann runter zu ihnen. Der Barmann war auch da, er saß auf dem gelben Plastikstuhl, rauchte und trank ein Glas Rotwein. Carlos-Diego sprang zwischen dem Grill und dem Kabuff hin und her und sang dabei italienische Lieder. Nele stellte mir ein Glas hin, der Barmann goss mir einen Rotwein ein. Später hörte ich Carlos-Diego und Nele beim Sex und ich musste grinsen. Die Grillen zirpten und mein Kopf drehte sich vom Rotwein. Das war fast sowas wie Glück.

Er war beim Zirkus. Kaum zu fassen. Feuerschlucken, Akrobatik, das ganze Programm. Ich konnte nicht entscheiden, ob ich fand, dass er ein guter Kerl war, aber es spielte auch keine große Rolle, weil er nach zwei Tagen wieder verschwand, genauso plötzlich, wie er aufgetaucht war. Ich hatte inzwischen das andere Buch zu Ende gelesen und dachte darüber nach, wann ich abreisen würde. Ich döste gerade im Schatten auf einer stockfleckigen Gartenliege, die ich hinterm Wohnwagen entdeckt hatte, als Metallica mich aufschreckte.
„Ey, ich brauch deine Hilfe!“
Ich rieb mir das Gesicht. Sie blickte auf mich herunter.
„Rasierst du dich jemals wieder?“, fragte sie.
„Hab keinen Rasierer mehr.“
„Willst du einen?“
„Ähm…“
„Ich fahr nachher ins Dorf, ja oder nein?“
„Ja.“
„Bello.“
„Ma combattere per la felicità, è bello.“
„Warum bist du so pathetisch?“
„Das hab ich mal gelesen irgendwo.“
„Das beantwortet die Frage nicht. Kommst du jetzt?“
Ich stand auf und folgte ihr. Im Schatten hinter den Garagen lag ein Hund, ziemlich friedlich, mit hängender Zunge. Er sah aus wie ein Tannenbaum ohne Nadeln. Ich zuckte mit den Schultern.
„Und?“
„Der liegt da seit heute Morgen.“
„Und?“
„Ich hab Angst vor Hunden.“
„Ach was?“
„Lars, kannst du aufhören mit dem Scheiß und dich um das Tier kümmern? Der sieht aus, als würde er gleich abkratzen.“
„Wasser wäre vielleicht nicht schlecht.“
Sie holte eine Schüssel und ich füllte die im Waschhaus mit Wasser und stellte sie dem armen Teufel hin. Der war echt fertig. Er raffte sich hoch und schleckte gierig das Wasser aus der Schüssel. Ich streichelte seinen Kopf. Instant-Flöhe nennt man das auf der Straße.

Sie fuhr ins Dorf, kaufte Hundefutter, Tomaten und einen Rasierer. Unterdessen badete ich den Hund mit einem Gartenschlauch. Das fand er cool. Das Futter schlang er runter wie ein Irrer.
„Guck mal“, sagte ich, „der tut dir gar nichts.“
„Das Leben tut dir auch nichts. Und trotzdem hast du Angst davor.“
„Hast du eine Ahnung“, sagte ich.
Sie reckte mir den Kopf entgegen.
„Ich wurde schon mal gebissen.“
„Ich auch.“
„Vom Leben?“
„Von nem Hund.“
„Aber Angst hast du trotzdem keine?“
„Nein.“
„Voll der Mutige so.“
„Voll.“
Sie verdrehte die Augen, ließ es aber so stehen. Der Hund erholte sich währenddessen im Schatten. Er wirkte zufrieden.
„Ich hab Gin gekauft“, sagte Nele.
„Oh Mann“, sagte ich.

Abends saßen wir auf Stühlen vor dem Kabuff und hörten Alice Cooper, weil sie das so wollte. In den Gin kamen Grapefruitscheiben, weil sie das so wollte. Ich hatte mich rasiert, weil sie das so wollte. Lief gut für sie. Der Hund, ich nannte ihn Carlos-Diego, war halbwegs erfrischt, und hechelte mit klaren Augen in die Abendsonne.
„Okay“, verkündete sie, „und jetzt erzählst du mir, was du hier machst.“
„Urlaub“, lachte ich.
„Ernst jetzt!“
Ich holte ein Streichholzheftchen aus der Hosentasche und gab es ihr. Es war durchgeweicht und verblichen. Der Name des Campingplatzes stand darauf. Und „Strasatto“, so als wäre es eine billige Version von Verheißung.
„Was ist das?“
„Das sind Streichhölzer.“
„Ach was?“
„Meine Mutter“, sagte ich, „war vermutlich mal hier. In den frühen Neunzigern. Ich wollte mal sehen, wie es hier ist.“
„Mein Vadder war auch mal in Boltenhagen“, gab sie zurück. „Aber deswegen fahre ich nicht da hin und gucke, wie es da ist. Erklär mir das jetzt richtig!“
Erklär es richtig! Okay, schön, ich will es versuchen. Auch wenn ich nicht glaube, dass man es verstehen kann. Es ist so, als würde man einem Zeppelin winken, der gar nicht wirklich da ist. Alles, was du sehen wirst, ist ein Typ, der in den Himmel winkt, und du wirst ihn für verrückt halten, obwohl gar nicht er der Verrückte ist. Verrückt ist es ja bloß, dass die Menschen es geschafft haben, in die Luft zu steigen und zu fliegen, auch wenn sie dafür nicht gemacht sind. Und dann sagte ich wieder diesen Satz: Meine Mutter ist manisch-depressiv. Und Nele sah nicht aus, als würde sich mich deswegen bemitleiden. Das brachte ihr unglaubliche Sympathiepunkte ein. 
„Das ist so, wenn man die ganze Zeit total depri ist und dann auf einmal rumflippt wie bekloppt, oder?“
„Ja, genau.“
Sie lachte in ihr Glas.
„André und ich sind zusammen auch manisch-depressiv. Er ist manisch und ich bin depressiv.“
„Einen Scheiß bist du.“
„Okay, weiter! Deine Mudda.“
„Meine Mudda ist, wenn sie ihre manische Phase hatte, öfter mal abgehauen.“
„Wo warst du dann?“
„Bei meinem Vadder.“
„Was macht er?“
„Er ist Familienrichter.“
„Ui.“
Ui ist definitiv das richtige Wort, dachte ich.
„Und wo ist sie so hin?“, fragte Nele.
„Nach Strasatto zum Beispiel“, sagte ich.
„Scheiß Wahl!“, sagte sie. „Da willst du einmal so richtig auf die Kacke hauen und dein kleinbürgerliches Leben hinter dir lassen und dann schlägst du in Strasatto auf.“
„Behämmert“, sagte ich.
Sie stand auf, pulte mit ihren langen Fingernägeln Eiswürfel aus der Eiswürfelform, füllte die Gläser nach und drückte mir meins in die Hand. Ich spürte sie wieder: diese klare Kühle.
„Ist sie tot?“, fragte sie.
„Nein“, sagte ich.
„Wieso kommst du gerade jetzt auf den Trichter?“
„Ich hab keine Ahnung.“
„Ey Lars, du musst mal klarkommen!“
„Sagt Prinzessin Schrottplatz.“
„Es ist ein CAMPINGplatz!“ Wieder reckte sie den Kopf so vor. Ich hab Reeecht und du niiicht. Das war niedlich. „Was ist mit dir? Hast du einen Job?“
„Ja“, sagte ich, „ich hab einen Job.“
„Hau raus!“
„Ich arbeite in einer Drogenberatungsstelle.“
Sie lachte schallend. Carlos-Diego kläffte kurz. War richtig was los in Strasatto heute.
„Geil!“, gackerte Nele. „Haste dein Hobby zum Beruf gemacht?“
Echt mies, die Tussi. 
Später ließ sie die Grapefruitscheiben weg. Grapefruit war nicht länger von Bedeutung. Sie holte ein Fotoalbum aus dem Kabuff und zeigte es mir. Es war noch eins von diesen Dingern, die Trennseiten aus dünnem Papier haben, die am Rand vergilben und später rausfallen, wenn man durch das Album blättert.
„Das ist mein Vadder“, sagte sie. „Dem hat der Campingplatz früher gehört. Du könntest ihn fragen, ob er sich vielleicht erinnert an ne durchgeknallte Deutsche, die hier in den Neunzigern ein paar Wochen campiert hat oder ihm vielleicht sogar ein Foto von ihr zeigen, aber er ist tot.“
„Das tut mir leid“, sagte ich.
Und Nele sagte: „Lars, man kann nicht alles kitten.“

Am nächsten Morgen hatte ich einen Mörderschädel. Metallica war nicht gesprächig. Carlos-Diego dagegen war gut drauf und spielte sogar Ball holen mit mir. Ich langweilte mich ohne Bücher und überlegte, ob ich eins von beiden wieder von vorne lesen sollte, aber ich konnte mich nicht aufraffen. Stattdessen ging ich ins Schwimmbad. Der Bademeister entpuppte sich als der Typ, der manchmal in der Bar saß, die tatsächlich geöffnet war, wo er Peroni trank und mit seinem Handy rumdaddelte. Das Wasser war eiskalt und brutal gechlort. Es fühlte sich an wie eine Ganzkörperdesinfektion, da reinzuspringen. Kleine ferne Sternchen tanzten vor meinen Augen, das Wasser verschluckte die Geräusche der Welt, die irgendwo weit hinter Altofonte begann und hier oben auslief, den Kieseln entgegen, die den Berg runter kullerten. Nach dem Schwimmen war ich halbwegs wieder hergestellt, zog mir das T-Shirt wieder über und die Jeans wieder an und der Stoff legte sich warm und deutlich auf meine Haut. Das war fast sowas wie Glück. Ich schlang mir das Handtuch um den Hals und lief zurück zum Wohnwagen. Ein fernes Brummen ließ mich aufblicken. Der Zeppelin. Scheiß drauf, dachte ich, und winkte.

Zwei Tage drauf bezahlte ich meine Rechnung. Metallica war knatschig: André hatte sich fürs Wochenende angekündigt und kam nun doch nicht.
„Pisser“, sagte sie, „aber ist auch scheißegal. Nächste Woche sitze ich im Flieger.“
„Wohin?“
„Nach Deutschland?! Die Saison ist vorbei.“
„Du meinst, dann kommen keine Gäste mehr?“
Sie bewarf mich mit einem Locher. Als ich ging, nahm sie mich in den Arm und das fühlte sich an wie ein Segen. Carlos-Diego nahm ich mit, weil Nele Angst vor Hunden hat, und ich irre genug bin, 22 Stunden in einem Leihwagen nach Hause zu fahren statt in den Flieger zu steigen. Man kann nicht alles kitten. Aber einem herrenlosen Hund ein Zuhause geben, das geht schon.

 




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