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Spielbudenkönigin

Annika Büsing, Hamburg, 2008

Der Maurer geht pinkeln. Meine Zehen fühlen sich kalt an und der Rest kochend heiß. Minutenlang starre ich auf das Wort, das auf die Rückseite meiner Packung Wattepads gedruckt ist: Rautenprägung. 
Dann rauscht das Wasser in der Leitung und bringt mich zur Besinnung. Der Maurer verlässt das Badezimmer. Ich höre seine schweren Schritte zu jeder Tages- und Nachtzeit und manchmal das Bett, wenn es wackelt. Aber der Maurer ist in Ordnung. Er hat mir sogar den Heimtrainer nach oben geschleppt. Denn ich mache Sport, weil das gut fürs Herz ist, auch wenn man noch so jung ist wie ich. Oft blinkt das Pulsherz auf der Anzeige wie verrückt und dann denke ich an Worte wie Rautenprägung, das ist eindeutig eine Folge von Einsamkeit. Ich werde dann traurig. Aber ich kann nicht gleichzeitig trauern und Fahrrad fahren, deshalb fängt mein Herz an zu stolpern. Stolper blink, stolper blink.

Ich gebe die Chips für den Autoscooter aus. Hab den ganzen Tag Musik auf den Ohren. Scheppern auf dem rechten und das BummBumm auf dem linken. Wenn ich zu spät komme, reißt Klaus mir den Arsch auf. Ansonsten ist der Job in Ordnung. Ich arbeite mit Menschen. Jetzt fragen Sie sich: Was für Menschen fahren Auto-Scooter? Das kann ich beurteilen. Hauptsächlich Macker. Macker aller Couleur: Familienväter, Schmieris mit Schnubi, Bonzen-Bubies, Aufschneider natürlich, aber auch Klemmis, die es krachen lassen. Frauen fahren immer nur mit.
Klaus gibt mir einen Kuss, als ich komme, manchmal macht er das und es ist in Ordnung. Er ist auch kein schlechter Kerl. Aber schlechte Zähne hat er, dafür, dass er noch so jung ist. Ich pflege meine Zähne, da können Sie aber gewiss sein! Ist doch nicht so wahnsinnig schwer, dreimal am Tag ein bisschen Disziplin aufzubringen und die Zähne zu bürsten. Und Zahnseide – verwenden Sie Zahnseide! Sie glauben gar nicht, wie froh Sie sein werden, wenn alt sind und ihr Zahnfleisch noch tippi toppi ist. Bei Klaus habe ich es aufgegeben mit den Zähnen. Einer fehlt ihm sowieso schon, seit einer Schlägerei mit dem Kerl vom Bierstand gegenüber. Keiner weiß so richtig, worum es eigentlich ging, vermutlich hat Klaus angefangen, aber alle waren auf Klaus’ Seite, weil sich seit Jahren das Gerücht hält, dass der Kerl vom Bierstand versucht hat, einer Dreizehnjährigen seinen krummen Penis reinzuschieben. Deshalb hat er es wohl verdient gehabt.

Monika bringt mir eine Fanta. Monika ist Klaus’ Mutter und ich weiß nicht viel mehr über sie, als dass sie die Bunte liest und mir Fanta bringt. Sie zwängt sich zu mir in die Box. Wie ich ihre Frisur fände, die Schpiers habe übrigens das Sorgerecht für ihre Söhne verloren, wegen der Glatze, vermute sie. Ich drücke meine Betroffenheit aus. Sie zeigt mir das Bild von der Schpiers mit der Glatze in der Bunten, als am Geländer gegenüber ein Pärchen in heftiges Gebrülle ausbricht, auf das schnell Handgreiflichkeiten folgen. Ich sehe sie mir an und freue mich über die Glasscheibe vor meiner Nase. Sie können dich nicht anhauchen und du kriegst weder Bierspritzer noch Schläge ab. Eine Glasscheibe ist es, die mich von den Asis trennt. Die Tussi ist richtig hart drauf, vermöbelt ihren Macker ganz prächtig. Vielleicht hat er es verdient, der ist so einer, der Bier in Plastikflaschen kauft, Pornos umsonst runterlädt und seinem Neffen haufenweise Fisher-Price-Scheiß zum Geburtstag schenkt. Und jetzt kriegt er aufs Maul, als gäbe es kein Morgen. Da muss Klaus hin. Ich habe eine Glasscheibe vor der Nase, aber er muss da immer mitten rein. Die Tussi schubst Klaus und brüllt ihn an und er muss sich mir ihr rumschlagen, bis sie endlich den Mund hält und sich trollt. Rautenprägung, denke ich und ich weiß überhaupt nicht warum.

Ich überprüfe regelmäßig, ob ich Chancen bei den Kerlen habe. Manche lächle ich lieb an, wenn sie Chips kaufen, und oft kriege ich ein Lächeln zurück. Ich glaub, ich bin ganz süß. Klar, keine Angelina Jolie oder sowas, aber schon ganz süß. Letztens habe ich mir die Haare abschneiden lassen. Ich habe jetzt eine brave Pagenfrisur mit Pony. „Geil“, hat Ibi gesagt, „jetzt du siehst aus wie ein Asi-Mädchen.“ Ibi ist mein Friseur, falls es Sie interessiert. Also ich bin ganz süß. Meine Brüste sind prall und nicht zu groß. Zu große Bürste sind obszön, finde ich. Meine sind prall, das gefällt in der Regel. 
Es kommt Einer und kauft Chips. Monika liest neben mir sitzend weiter die Bunte. Wegen der Schpiers. Das nimmt sie echt mit. Er betrachtet mich. Ich schenke ihm ein Lächeln. Sparsam ist er nicht. Zehn Stück will er. Das bedeutet, er fährt einhändig und mit dem Arm auf der Lehne. 
„Viel Spaß!“, sage ich. 
Natürlich hab ich Recht: Er fährt einhändig. Aber ohne den Arm auf der Lehne. Nach zwei Fahrten holt er sich ein Bier. Ich stehe hinter der Box und rauche. Monika hat mich zur Pause abgelöst. Bist du einer von den Asis?, denke ich. Er ist nicht schlecht angezogen. Er trägt eine Jeans und einen Parka. Undefinierbar grau, der Parka. Und der Typ, na ja. „Nimm den Kaugummi raus!“, würde Mama sagen. Und ich würde sagen: „Das Kaugummi“, und es weiter kauen. Aber Mama ist nicht da und der Typ gar nicht so übel. Also nimm den Kaugummi raus!
„Nette Frisur“, sagt er und – so ein Arschloch – er meint das kein bisschen ernst. 
„Leck mich!“, sage ich.
Er lacht.
„Bist nicht von hier“, sage ich. 
„Nee“, sagt er, „gerade erst hergezogen.“ 
„Was machste?“, frage ich. 
„Puffbesitzer“, sagt er.
„Wenn man ein Panda ist“, erkläre ich, „und auf einem Eukalyptus-Baum sitzt, und der Baum, auf dem man sitzt, kurz vorm Explodieren ist, dann weiß man das als Panda und verpisst sich schön.“
„Dann müsste ich mich jetzt verpissen, weil du gleich explodierst, meinst du?“
„Du verarschst mich die ganze Zeit“, sage ich.
„Nee“, sagt er. „Ich versuche dich anzubaggern.“
„Du hast noch acht Chips“, sage ich. 
„Komm mit mir“, bittet er.
Monika sieht nicht von der Bunten auf, also quetsche ich mich zu ihr in die Box und sage ihr, dass ich eine Verabredung hab. 
„Schon gut“, sagt sie, „wird Zeit, dass du was zwischen die Beine kriegst, Mädchen.“ 
Ich küsse sie auf die Wange und habe in der Folge Make Up am Mund.

„Du hast Make Up am Mund“, sagt er.
Wir fahren U-Bahn, weil er lieber U-Bahn fährt.
„Wie läuft dein Puff?“, frage ich, während ich nach einem Taschentuch krame.
„Gigantisch“, sagt er und benutzt den Ärmel seines undefinierbar grauen Parkas, um mir das Make Up vom Mund zu wischen. Rautenprägung, denke ich. Soll ich mit ihm schlafen? Unsinnige Frage. Wir sind schon auf dem Weg. Ich denke wieder an mein Pulsherz. Stolper blink, stolper blink. Er nimmt meine Hand. Er fragt mich, ob ich eine Wohnung habe. Ich frage ihn, ob ich so aussähe, als wenn ich auf der Straße schliefe. Er lacht, dann küsst er mich. Er riecht gut. Er riecht nicht wie die Asis, sondern gut. Nach nicht viel. Einfach nur gut. Wir gehen zu mir. Und dann tun wir es und ich denke dabei an mein Pulsherz und an Klaus. Später schnorrt er sich eine Zigarette von mir.
„Ich rauche nicht in der Wohnung“, sage ich. 
„Eine Ausnahme“, sagt er. 
Draußen regnet es. Er klemmt die Kippe in den Mundwinkel, klettert über mich drüber und öffnet das Fenster. Ich lausche nach dem Maurer. Aber der pennt jetzt. Ich sehe aus dem Fenster und höre dem Regen zu.

Auf dem Rückweg reden wir nicht viel. Ich löse Monika ab. Er hat noch acht Chips. Ich bin eifersüchtig, weil so Eine mit Korallenohrringen mit ihm mitfährt. Schlampe, denke ich und bin schon fast so weit wie die Tussi, die ihren Macker vermöbelt hat. Ich weiß noch nicht einmal, wie er heißt. Ich hab die Schpiers auf beiden Ohren, rechts scheppernd, links das BummBumm, und ich weiß, sie hat das Sorgerecht verloren. Rautenprägung. Es regnet noch immer aus einem trüben Himmel. Seine Kumpels kommen: Bonzen-Bubies, die es sich leisten können, Aufschneider. Keiner von denen kriegt ein Lächeln. Nach sieben Fahrten hat er genug. 
„Deiner“, sagt er und schiebt mir den Chip zu. 
Er geht und die Korallenohrring-Schlampe wackelt hinter ihm her. 

Es wird spät. Der Kerl vom Bierstand wischt die Theke ab. Monika macht die Abrechnung. Als ich abschließen will, hat Klaus schon Klarschiff gemacht. Zwei Dinge, meint er, müssen sein: Ordnung und Feierabend.
„Wer war’n der Typ?“, fragt er. 
„Puffbesitzer“, sage ich. 
Klaus lacht. „Also hat er bezahlt?“
Ich winke ihm mit dem Chip. 
„Was’n Straßenköter“, sagt Klaus.
Er holt seine Lederjacke aus der Box. Die liebt er. Er zieht sich nie bei der Arbeit an, weil er sie so liebt. Sie liegt immer an meinen Füßen, auf einem Karton mit Glühbirnen drin. Und oft sagt er: „Pass auf die Jacke auf!“, so als wüsste ich es nicht. Und ich sag dann: „Weiß ich doch.“
Es regnet immer noch. Er wartet auf mich und das helle Licht des Sommerhimmels fällt in sein Gesicht. 
„Na komm schon“, sagt er. „Ich bring dich nach Hause.“
Wir laufen. Wir werden platschnass. Meine Zehen sind glühend heiß und der Rest eiskalt. Er sieht mich von der Seite an.
„Hat dir nicht gut getan, der Typ“, sagt er.
„Wie kommst du drauf?“, frage ich.
„Du siehst traurig aus.“
„Ja“, sage ich.
Autos fahren durch die Pfützen am Fahrbahnrand. Wahre Fontänen gehen auf den Gehweg nieder.
„Ich glaub nicht, dass er wirklich Puffbesitzer ist“, sagt Klaus.
„Ne, bestimmt nich“, sage ich und kaue auf den Nägeln. „Sag mal, kann ich dich mal was fragen?“
„Klar“, sagt er.
Ich bleibe stehen.
„Findest du mich hübsch?“
„Klar finde ich dich hübsch. Das weißt du doch.“
Mein Herz schmerzt. Ich glaube nicht, dass der Sport meinem Herz etwas bringen wird. Stolper blink, stolper blink. Es fängt immer wieder von vorne an. Wir gehen weiter.
„Weinst du?“, fragt er.
„Nee“, sage ich.
Rautenprägung, denke ich. Rautenprägung. Rautenprägung. Rautenprägung. Aber es hilft nicht.
„Ey Anna“, sagt Klaus sachte.
Er schließt mich in seine Arme und ich weine auf seine Lederjacke. Mit einer Hand streicht er durch meine Haare. Es schüttet wie aus Eimern.

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