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Das aufblasbare Raumschiff

Annika Büsing, 2019

Schlechter gelaunt, dachte Julie, hat noch nie jemand auf dem Laufband gestanden. Es war ein ungewolltes Nebeneinander, sie liefen einfach, er und sie, und sie hörten gleichzeitig auf, eine ungewollte Gleichzeitigkeit. Sie begegneten sich am Desinfektionsmittelspender, eine blasse Metapher für vieles, das noch kommen würde, und Danton blitzte sie wütend an. 
Kennst du diese Jungs, die dich unglaublich wütend ansehen? Als wärst du schuld? 
Schuld woran?, fragst du. 
Ja woran? Die Welt wartet nicht. Die Umstände sind ungnädig und manchmal ist ihnen ihre Nase zu groß oder ihr Penis zu klein. Julie wusste nicht, woran. Und deshalb fragte sie ihn.
„Bin ich schuld?“, fragte sie.
Aber auch das kam erst später. Zunächst einmal sah er sie an mit seinen vor Wut blitzenden Augen, und sie musterte ihn, seine beharrten Beine in der verwaschenen Sporthose, die platinblonden Haare auf seinem Kopf, der ganz sicher klug war. Er zog seine Hand weg, als habe er sich verbrannt. Julie blieb cool, zapfte Ethanol, und verzog sich. Es war Freitag, sie würde die ganze Nacht arbeiten und konnte nicht vor Ende der Ausgangssperre um sechs in ihre Wohnung zurückkehren. Es waren keine rosigen Aussichten und rosige Zeiten ohnehin nicht. Es war nicht klug, seine Einsamkeit preiszugeben, denn wer darunter litt, machte sich verdächtig. Unter der Dusche erwischte sie sich mit ihren Gedanken in seinem Tag. Wohin würde er ihn führen? Was würde er tun, sehen, essen? Wen lieben? Besaß er etwas, das ihn glücklich machte? Würde er ein Gebäude in Brand setzen oder jemandem den Hals aufschlitzen? Schrieb er Gedichte? Verfasste er verbotene Manifeste? Am meisten beschäftigte sie die Frage, ob er in der Dissidentenzone lebte. Jemand mit seiner Wut war prädestiniert dafür. Und Julie wusste: Sie würde ihm folgen und sie würde es herausfinden.

Draußen entdeckte sie ihn am Fahrradständer. Er trug jetzt einen Mantel, obwohl es September war und außerordentlich mild. Sie starrte ihn an, hoffte auf eine Reaktion, aber er sagte nichts, stieg auf sein Fahrrad und verschwand. Sie folgte ihm in sicherer Entfernung. Polizisten patrouillierten am Wegesrand. Gegen sechs Uhr am Morgen war irgendetwas in die Luft geflogen – vielleicht eine Werbetafel oder ein Stromkasten. Der Frühling setzte sich durch, ließ die Bäume blühten, und man hätte denken mögen, die Welt sei ein friedlicher Ort voller Wunder. Das Gegenteil war der Fall. Die Welt war in zwei Teile gerissen und man musste sich entscheiden, wohin man gehören wollte, und seinen Teil zum Gelingen des Masterplans beitragen. Wenn man sich damit arrangieren konnte, zu sehen, was man sehen durfte, zu hören, was man hören durfte, wenn man sich in einer Sprache zurecht fand, die anstelle von Klarheit Verschleierung und Wiederholung produzierte, wenn man bereit war, keine Fragen zu stellen (zumindest keine allzu kritischen), wenn man essen wollte, seine Miete bezahlen, wenn einem an Prestige gelegen war und Freiheit keine allzu tragende Rolle im eigenen Lebensentwurf spielte, wenn man bunte Bilder liebte, glänzende Oberflächen, satte Töne und gängige Melodien, wenn man wusste, was sich gehört, und wusste, was einem zustand, wenn man sich mit seinen Träumen behaglich eingerichtet hatte im segensreichen Hier und Jetzt, wenn die Angst größer war als der Wille und die Resignation in den Geist gewachsen war als Überzeugung, dann war man richtig in der Dekadenz. Julie war geblieben, weil Liebe sie an ihre Mutter und ihren Bruder band, doch sie spürte bisweilen ein seltsames Gefühl von Leere, das sich ausbreitete und in manchen Nächten so stark wurde, dass sie kaum Luft bekam. Und wenn sie, nach Atem ringend, an ihrem Dachfenster stand und über die Lichter der Stadt hinweg in die Dissidentenzone blickte, dann wusste sie, das dort möglicherweise ihr Platz war, im Dunkeln. Die Dissidentenzone war nicht ans Stromnetz angeschlossen. Man verwehrte den Dissidenten, was zum urbanen Leben gehörte. Es gab Kämpfe darum, oft mit Toten, blutige Schlachten in den Straßenfluchten am Rand der Stadt. Strom bedeutete Macht, Strom bedeutete Information, Strom bedeutete Wissen. Die Dissidenten jagten Stromkästen auf der anderen Seite in die Luft, hieß es, um sich an den Bewohnern der Dekadenz für ihre Ungleichbehandlung zu rächen, aber Julie dachte oft, es sei bloß ein Narrativ, erfunden, um die Schuld sicher zu verorten und gleichzeitig Macht zu entziehen, Mut, Möglichkeit. Es war eine Maßnahme der Risikominimierung und so hatte alles angefangen: mit Risikominimierung. 

Die Straßen faserten aus, die Graffitis an den Häuserwänden nahmen zu. Sie folgte ihm noch immer, unbeirrt, arglos, mutig 
– bis sie seine Hand an ihrem Hals spürte. 
Sie hatte nicht aufgepasst. Er riss sie vom Fahrrad, hatte offenbar hinter einer Ecke gestanden, und hielt ihren Hals, nur ihren Hals, mit einer Hand und weit aufgerissenen Augen, blau waren sie, knallblau und ungesund glänzend. Er starrte sie an, dann ließ er sie, die sie vor Angst halb wahnsinnig war, mit einer beinahe sanften Bewegung los.
„Hau ab“, sagte er und stieg wieder auf sein Fahrrad.
Sie sah ihm hinterher, wie er verschwand. Und sie war kein bisschen erleichtert. Stattdessen empfand sie ein Gefühl des Verlassenseins, das größer war, gefräßiger und wilder als jeder Trost.

Wieder zuhause kochte sie Kaffee, stark, bitter und dickflüssig, und sah, während sie trank, aus dem Dachfenster. Sie rief ihre Mutter an, die kaum ein Wort verstand, sich dennoch freute, ihre Stimme zu hören, jeden Tag aufs Neue, mit einer immer kindlicher werdenden Begeisterung. Die Rollen waren vertauscht. Schließlich war es an der Zeit und sie zog sich um für die Arbeit: Eine dezente Hose, eine dezente Bluse, ein dezentes Lächeln, Make Up, das kein Aufsehen erregte und kaschierte, was nicht perfekt war. Als sie das Haus verließ, wartete der Fahrer schon vor der Tür. Die Nachtschichten wurden von zuhause abgeholt, denn bei vielen, die am Rand der Dekadenz lebten, fiel der Beginn der Ausgangssperre in den Zeitraum des Fahrtwegs. Im Auto war es kühl, die Klimaanlage hielt die Temperatur bei konstanten 19 Grad, ein niederschmetternder Kontrast zu den 25, die es draußen immer noch hatte. Sie erreichten die Ämter in weniger als 15 Minuten, passierten die Sicherheitskontrolle und rollten langsam auf den Vorplatz. In kleinen Gruppen standen dort Männer zusammen, in dezenten Anzügen, und führten inoffzielle Unterhaltungen. Julie nahm die Treppe zum Eingang, prüfte ihr Aussehen in der spiegelnden Oberfläche der Glasfassade und betrat das Gebäude: 19 Grad, außerdem ein besonderer Geruch, abstoßend und deprimierend zugleich, nach Plastik, Ethanol und dem Ausstoß unzähliger Kopierer. Man hörte das Sirren der Bildschirme, das Anschlagen der Tastaturen, ab und zu das jähe Kreischen eines Schredders. Emsige Hände korrigierten Lebensläufe, entzogen Besitzrechte, stempelten Urteile. Alles wurde hier rechtskräftig. Eine Maschine, die Tag und Nacht lief, die sich durch das Leben der Menschen fraß, die da draußen in einer ungeschützten Existenz lebten. Eine Vorhölle, deren einzige Steigerung in einem Ort bestand, der Menschen einsperrte und ihrer Bestimmung beraubte. Die Gefängnisse waren keine Korrekturanstalten, sie verwahrten lediglich Menschen, wie man einen angebrochenen Joghurt in den Kühlschrank stellt – sicher wissend, dass man ihn nicht aufessen wird. Es gab Livestreams aus den Gefängnissen. Ein grausames Spektakel, zu keinem anderen Zweck als dem der Abschreckung eingesetzt. Blasse Gesichter, einsam in einer Zelle, in der es nicht mehr als ein Bett, einen Stuhl und einen Tisch gab. Bücher waren verboten. Musik war verboten. Liebe war verboten. Es war ein unendliches Sterben, ausgelegt auf Jahre, Jahrzehnte. Drei Gefängnisse gab es inzwischen. Sie überragten die Stadt wie die drei Türme, die die dankbaren Stadtbewohner ihren drei Räubern gebaut hatten, jenen Räubern, die es sich – nach einer einschneidenden Begegnung mit einem kessen Mädchen zu besseren Menschen bekehrt – zur Aufgabe machten, Waisenkinder zu retten, aufzuziehen und als freie Bürger ins Leben zu entlassen. Ein Märchen, eine süße Utopie war das, von der Julie träumte, seit sie ein kleines Mädchen war und diese Geschichte zum ersten Mal gelesen hatte. In der Dekadenz gab es eine Menge Möglichkeiten, aber keine zweiten Chancen.

Sie starrte auf den Bildschirm, eine Weile schon, untätig, und seine Augen tauchten vor ihr auf. Sie wusste nichts von ihm und es war seltsam, dass er sie so berührt hatte. Warum hatte er sie gehen lassen? Er hätte sie da draußen in der Dissidentenzone ungesehen töten können. Es gab keine Überwachungskameras dort. Und die Polizei traute sich nicht weiter vor, als sie musste, um den Eindruck zu erwecken, sie habe die Lage im Griff. Was im Inneren, was im Kern der Dissidentenzone passierte, blieb vor den Augen des Gesetzes verborgen. Eine waghalsige Idiotie, die auf dem Gefühl der Unbesiegbarkeit gründete. Während sie vor dem Bildschirm saß, saß er auf dem Bett, ein Buch auf den Knien, eingehüllt in den Mantel, einen Becher Kaffee in beiden Händen haltend. Sein Blick war ruhig und konzentriert, er biss die Zähne aufeinander ohne es zu merken. Sie spürte, dass er da draußen war, und das Gefühl von Leere bildete ein Vakuum in ihrem Herzen. Danton wusste nichts von ihr und es war mehr als wahrscheinlich, dass sie ihm gleichgültig war. Aber in einem Moment, in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem Leben sich lautlos synchronisieren, blickte er von dem Buch auf, das er las, den Blick seiner knallblauen Augen in die Ferne gerichtet, die sich außerhalb der baufälligen Mauern seines Refugiums ins Unendliche ausbreitete, und er dachte an Julie. Er konnte spüren, wie sie unter seiner Hand zitterte, und er dachte wehmütig daran, dass in diesem Zittern am Ende eine Liebe zum Leben ablesbar war.

Risikominimierung bedeutet, auszuschließen, was vielleicht nicht passiert. Danton schrieb, es bedeute, seine Freiheit herzuschenken. Er war nicht bereit zuzulassen, dass irgendetwas, irgendjemand ihm seine Freiheit nahm, denn sie war das Einzige, das ihn zu einem Menschen machte, ihn unterschied von der Maschine, dem System, dem Spiel, dessen Ausgang von vornherein entschieden war. Der Tod war Freiheit. Wenn alles andere versagte, war er der einzige Ausweg. Er wusste das. Wenn sie ihn erwischten, würde er im Gefängnis landen, und niemals, niemals würde er dort verrotten. Danton wusste, der Tod konnte ihn jeden Tag ereilen, er war vorbereitet. Er würde sterben. So oder so. Doch er hing an nichts. Sollten sie kommen. Es versetzte ihn bisweilen in einen Rausch, zu wissen, dass sie ahnungslos blieben, er weidete sich geradezu an der Unwissenheit der Autoritäten, an der Ohnmacht der Polizei. Es zauberte ein Lächeln auf sein wütendes Gesicht und man hätte fast meinen können, er sei glücklich, wenn er so fühlte. Doch tatsächlich war Danton getrieben, besessen, sein Empfinden war mit einem uralten Fluch belegt. Es gab nichts, das ihm das Gefühl von Zufriedenheit verlieh, nichts, das seine Sehnsucht stillte, den Himmel herauszufordern und die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Die Welt war eine verkehrte und es konnte kein Glück geben, glaubte er, wo so viel Angst, Unheil und Leid geboren wurde. Seine Schriften galten als radikal, er selbst als unbeirrbarer Streiter. Die Einen liebten, die Anderen hassten ihn. Er war charismatisch und sein Wort hätte selbst dann mehr gewogen als das der meisten anderen, wenn er den blanken Unsinn verbreitet hätte. Aber Danton war klug. Er verbrachte die meiste Zeit damit, zu lesen und über die Welt und ihren Zustand nachzudenken. Er mied Parties, trank nicht, rauchte nicht. In seiner Anfangszeit war das anders gewesen. Nachdem man ihn in die Dissidentenzone verbannt hatte, lebte er eine Weile in dem Glauben, das Einzige, was noch zu tun sei, sei der Tanz auf der Asche seiner Welt. Tage und Nächte verbrachte er im Rausch. Aus dieser Zeit stammten einige seiner Tattoos, die er jetzt lieber versteckte. Es erschien ihm wie eine Unreinheit des Geistes, Worte und Bilder auf seiner Haut zu tragen, die er nicht mehr zurücknehmen, nicht in Frage stellen konnte. Einmal erwischte er eine zu große Dosis einer Substanz, deren Namen er vergaß, so wie er alles vergaß, was um ihn herum geschah, wer er gewesen war und wen er geliebt hatte. Er konnte keine Farben mehr unterscheiden, verstand den Sinn von Zahlen nicht länger, verlor das sichere Gefühl für oben und unten. Er glaubte sich im Bauch eines riesigen Fisches, durch die Ozeane treibend, schwerelos. In Wirklichkeit lag er bei einem Mann namens Gideon auf dem Sofa, apathisch, sabbernd, hilflos. Gideon hieß ebenso wenig Gideon wie Danton Danton hieß. Sich neue Namen zu geben, war eine sichere Art, die Familien zu schützen, die in der Dekadenz zurückgeblieben waren. Nicht alle änderten ihren Namen, etwa jene nicht, die hofften, irgendwann zurückzukehren, oder jene, die glaubten, dass ihr Leben mit dem Übertritt in die Dissidentenzone seine Bedeutung verloren hatte. Es waren die Kämpfer, die ihre Ausweise verbrannten, sich einen Namen suchten und dem Leben, das sie als Ausgestoßene an den Rand gedrängt hatte, mit Widerstand zu begegnen. Als Danton wieder bei Sinnen war, gab Gideon ihm eine Tasse Kaffee und ein Buch in die Hand.
„Was ist das?“, fragte Danton.
„Arabica Bohnen“, sagte Gideon. „Und die Bibel.“
Danton lachte.
Er hatte die Bibel behalten. Sie stand im Regal zwischen Baudelaire und Salinger, gelesen hatte er nie darin. Bis jetzt. Er nahm sie in die Hand, betrachtete den abgestoßenen Einband und erinnerte sich an Gideon, seinen stillen Ernst, seine bedingungslose Hilfe. Nach dem Absturz hatte Danton sich neu geordnet, gewissermaßen sogar neu erfunden, und Gideon hatte darüber nicht geurteilt, sondern ihn einfach unterstützt, wo er konnte. Dann hatten sie sich aus den Augen verloren und übrig war von dieser Begegnung nun bloß diese Bibel, die so lange unangerührt im Regal gestanden hatte. Danton blätterte versunken darin, während die Nacht sich über ihm unbemerkt verneigte. Schließlich setzte er sich wieder aufs Bett, eine neue Tasse Kaffee auf den Knien, und begann zu lesen.

Schreie weckten ihn und er war mit einem Sprung am Fenster, um nach draußen zu sehen. Es waren die Schreie eines brennenden Mannes, der über die Straße lief – eine grausame Fackel im ersten zarten Morgenlicht. Danton schnappte sich eine Decke und flog die Treppen hinunter. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase. Er fixierte sein Ziel, stürzte sich auf den Mann und breitete die Decke über den Rasenden wie ein Leichentuch. Es knisterte und knackte unter seinen Händen. Von weitem hörte man Sirenen. 
„Lauf!“, sagte der Mann unter der Decke.
Danton schlug die Decke zurück und sah in das bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Gesicht.
„Ich bin Danton“, sagte er.
„Ich weiß“, sagte der Mann. „Hau ab, bevor du Schwierigkeiten bekommst.“
„Warum hast du das gemacht?“, fragte Danton.
Die Sirenen kamen jetzt näher.
„Ich halte nicht viel von meinem Leben“, sagte der Mann.
„Wer bist du?“, fragte Danton.
Dann flogen die blauen Lichter heran und Danton musste fliehen. Er rannte die Straße hinunter, bog in eine schmale Gasse ein, überquerte einen Hinterhof und gelange schließlich an den Kanal. Er war außer Atem und ein Gefühl großer Trauer überkam ihn. Er blickte eine Weile keuchend über den Kanal. Er war fast schwarz in der Dunkelheit, kein Licht spiegelte sich darin. Wenn ihm sein Werk gelingen würde, würden wieder Lichter auf der Wasserfläche tanzen. Die Menschen würden Radio hören, Küchengeräte benutzen, sie würden sich Smartphones beschaffen, ihren Familien schreiben, sie würden Nachrichten lesen und Bilder aus der Welt zu sehen kriegen. Niemand würde sie länger in der Dunkelheit halten. Er war nahe dran. Eine Weile hatte er gezaudert, aber in dieser Nacht ging er wieder an die Arbeit. Rückwärts war nicht vorgesehen.

„Es gab einen Vorfall“, sagte Julies Vorgesetzter, als sie morgens abgelöst wurde.
„Welcher Art?“, fragte Julie.
„Ein Mann hat sich in Brand gesetzt.“
„Ein Attentäter.“
„Nein, das ist das Seltsame“, sagte der Vorgesetzte. „Er hat niemanden angegriffen. Er ist auch nicht ins Zentrum vorgedrungen.“ In der Amtssprache nannten sie die Dekadenz das Zentrum. Julie studierte das undurchdringliche Gesicht, das der Vorgesetzte machte.
„Ich werde Sie heute brauchen“, sagte er. „Der Mann ist in ein Krankenhaus gebracht worden. Wir sind wachsam.“
Die Krankenhäuser lagen, wie die Gefängnisse, sämtlich in der Dekadenz, denn sie brauchten Strom. Julie ging mit einem Rätsel nach Hause. Es war seltsam, dass man den Mann nicht hatte auf der Straße verrecken lassen. Sie kochte Kaffee, stark, bitter und dickflüssig, und sah, während sie trank, aus dem Dachfenster. Sie dachte an Danton, dessen Namen sie nicht kannte. Er war da draußen. Hatte er gesehen, was passiert war? 
Schließlich war sie müde, legte sich ins Bett. Sie lag auf der Seite, spielte mit einer Ecke der Bettdecke. Sie sah sich mit ihrem Bruder im See schwimmen, die Marillen, die Berggipfel im Abendlicht. Das war eine verlorene Welt, eine unperfekte Welt, die ihr alles bedeutet hatte. Es war eine Welt voller Abenteuer, voller Gefahren gewesen: viele Stunden am Tag allein am See, ein altes Ruderboot, sie entdeckten es und spielten darin, sie hätten jeden Tag sterben können, ertrinken etwa oder beim Klettern abstürzen, aber nie, auch nicht einen Moment, hatte sie daran gedacht. Und jetzt, wo alles sicher war, hermetisch abgeriegelt, hygienisch und keimfrei, dachte sie ständig an den Tod und daran, wie er sie ereilen würde. 
Danton stieg in den Tunnel hinab. Als Kind hatte er sich vor der Dunkelheit gefürchtet. Sein Vater sperrte ihn ein, wenn er Widerworte gab, im Keller meist oder im Schuppen, und Dunkelheit war über Jahre Dantons stetiger Begleiter gewesen. Es war nicht ohne Witz, dass er jetzt zum Kämpfer gegen sie geworden war, zu einem Guerilla-Kämpfer, dessen Ziel nicht darin bestand, etwas zu zerstören, sondern etwas zu erschaffen. Gideon hatte, als Danton ihn in seine Pläne einweihte, gesagt: „Wenn du es schaffst, wirst du wissen, wie Gott sich gefühlt hat am ersten Tag.“ Und Danton sagte: „Ich werde allerdings keine sechs Tage durchhalten.“ Danton war sich sicher, dass er sterben würde, bevor es ihm gelänge, noch etwas anderes zu erschaffen als Licht in einer Welt, die wüst und leer war. Seine Werkzeuge lagen an ihrem Platz. Er gähnte und machte sich an die Arbeit. 

„Fahren Sie hin“, sagte der Vorgesetzte brüsk. „Wir wollen erfahren, was den Mann angetrieben hat.“
Julie begriff die Unruhe der Leitung. Wenn der brennende Mann ein verhinderter Attentäter war, gut. Wenn er von einer verbotenen Vereinigung geschickt worden war, gut. Wenn er aus Protest gehandelt hatte, gut. Wenn es ein Bekennerschreiben geben würde, gut. Wenn der Mann auf seinem Sterbebett Hassparolen brüllen würde, gut. Das alles war erklärbar, abschließbar, einfach. Aber was, wenn der Mann keinen Grund gehabt hatte, sich anzuzünden? Wenn er unschuldig war? Noch schlimmer, was, wenn er gutmütig war, freundlich, harmlos, ein Mensch, den alle gern gehabt hatten? Was, wenn statt einer Antwort eine Frage im Raum stehen bleiben würde? Waren nicht Fragen gefährlich? Führten nicht Fragen dazu, dass die Menschen grübelten? In der Dekadenz sollte nicht gegrübelt werden, denn Grübelei war die Schwester des Zweifels. Julie fuhr den Computer herunter, zog ihre Jacke an und und verließ das Büro. Der Fahrer wartete vor dem Gebäude. Im Auto war es heiß und stickig.
„Die Klimaanlage ist kaputt“, entschuldigte sich der Fahrer.
Julie ließ das Fenster weit herunter. Zum ersten Mal seit Jahren spürte sie Fahrtwind im Gesicht.
Im Krankenhaus begrüßte sie ein verklemmt dreinblickender Arzt. Er war bereits darüber informiert, dass sie kommen würde, und er fühlte sich angesichts ihrer Anwesenheit sichtlich unbehaglich. Julie glaubte erst, es läge daran, dass sie eine Frau war, eine junge noch dazu, doch als sie durch den sterilen Flur zum Zimmer des Kranken gingen, wurde ihr klar, dass das Unwohlsein des Arztes von etwas Anderem herrührte.
„Wissen Sie“, sagte er und gab Acht auf jedes Wort, „der Verlauf ist untypisch.“
„Untypisch inwiefern?“
Er sah sie an und sagte: „Wir dachten, er stirbt.“
„Und er stirbt nicht?“
Die Aussicht, der Patient könne überleben, schien den Arzt nicht, im Sinne seiner Profession, zu erfreuen, eher war sie ein Affront gegen seine Könnerschaft. Sie widerlegte alles, was er gelernt hatte, die Medizin und die Wissenschaft als Ganzes. Man hätte mit einem Blick in das angewiderte Gesicht des Arztes meinen können, er sei bereit, dem Patienten von eigener Hand zum Tod zu verhelfen, damit die Rechnung wieder stimmte.
„Nein“, antwortete er geziert, „bisher sieht es nicht danach aus. Er erholt sich.“
Sie hatten die Zimmertür erreicht, hinter der das Wunderkind lag, und der Arzt deutete auf einen Desinfektionsmittelspender.
„Bitte desinfizieren Sie Ihre Hände gründlich und legen Sie Tasche und Jacke ab. Dann dürfen Sie hineingehen. Bitte regen Sie den Patienten nicht unnötig auf. Sie haben 15 Minuten.“
Er ließ sie stehen. Julie zog die Jacke aus und legte sie auf ihre Tasche, die sie auf den Boden stellte. Dann zapfte sie Ethanol, rieb ihre Hände ein, spürte das Brennen auf der Haut und die Kälte, die sich darüber legte, eine hauchzarte Schneedecke auf hart gefrorener Erde. Sie öffnete die Tür und trat in das abgedunkelte Zimmer. Ein dumpfes, stilles Gefühl ergriff sie, wie beim Betreten einer Kirche. Das gleichmäßige Piepen eines Gerätes verschmolz mit Ruhe des Raums in einem fern erscheinenden Nachhall.
Auf dem Bett lag ein weiß bandagiertes Wesen mit dunklem Haar. Julie näherte sich ihm bedächtig. Sie hatte die Worte des Arztes im Kopf: ‚Regen Sie den Patienten nicht auf.‘ Sie hatte Ehrfurcht vor dieser Forderung, sie wollte nichts falsch machen. Das war eine Angst, die sie immer begleitete, wohin sie auch ging: nicht zu genügen. Ihr Blick fiel in das Gesicht des Kranken, das halb verdeckt war von Verbänden. Überrascht sah sie in seine Augen. Er war hellwach.

„Hallo“, sagte er.
„Hallo“, sagte sie. „Ich bin Julie. Ich komme, um dich auszuhorchen.“
Er lachte. Er war jünger als sie gedacht hatte und auch wenn sie von seinem Gesicht wenig erkennen konnte, erschien er ihr weder verrückt noch verblendet zu sein. 
„Das ist aber schön“, sagte er. „Ich hatte nicht auf Gesellschaft gehofft.“
Es erschien ihr merkwürdig, auf ihn hinunter zu blicken, sie überlegte, sich zu setzen, aber wenn sie einen Stuhl nähme, säße sie zu tief, er würde sie nicht ansehen können. Er bemerkte ihre Verunsicherung.
„Nimm doch auf der Bettkante Platz“, sagte er. „Keine Angst, ich bin nicht ansteckend.“
Sie setzte sich hin.
„Das ist ein mieser Witz“, stellte sie fest.
Er kicherte ein bisschen.
„Ja“, räumte er ein, „supermies.“
Sie sahen sich an.
„Du hast gar keinen Schreibblock dabei.“
„Nein.“
„Diktiergerät?“
„Nein.“
„Oh Gott, bist du verwanzt?“
„Ich nicht“, sagte sie. „Aber ich gehe davon aus, dass die Kollegen das schon erledigt hatten, bevor man dich überhaupt hier rein geschoben hat.“
„Verstehe.“
„Willst du dich bekennen?“
„Du meinst schuldig?“
„Willst du der Welt irgendetwas mitteilen?“
„Will das denn jemand hören?“
„Das wird die Leitung entscheiden. Sag mir einfach, was du sagen willst.“
„Bekennen hast du gesagt?“
„Zu dem, was du getan hast.“
„Ich bin Sünder.“
„Sind wir alle.“
„Erstaunlich, dass du das genauso siehst.“
„Warum?“
„Weil Sünder sein heißt, dass man nicht perfekt ist. Voller Fehler. Das unterschreibt dein Dienstherr nicht so gerne.“
„Das ist wahr.“
Er musterte sie, aber es war nicht unangenehm.
„Julie ist dein Name, hast du gesagt?“
„Ja.“
„Grandios“, sagte er, „wenn Gott solche Zeichen schickt.“
„Ich kann dir nicht folgen.“
„Hast du ‚Dantons Tod‘ gelesen?“
„Nein“, sagte sie, „ich habe nie allzu viel gelesen.“
An seinem Blick konnte sie ablesen, dass er ihre Worte als Wanzenantwort verstand. Leider war das nur die halbe Wahrheit.
„Schau“, begann er, „Danton ist ein Revolutionär und er wird hingerichtet. Von seinen eigenen Leuten. Julie, seine Frau, geht mit ihm in den Tod. Das fand ich immer saudumm.“
„Warum?“
„Weil Liebe nicht der Grund sein sollte, warum man einen Kampf aufgibt.“
Sie versuchte zu begreifen, was er ihr sagen wollte. Waren das Codes oder legte er ihr sein Weltbild offen?
„Aber beeindruckend ist, dass Julie Danton Ruhe verschafft und Geborgenheit. Er ist ein Getriebener, ein Sarkast, aber sie lässt ihn aufatmen. Stell dir vor, so eine Beziehung zu haben, Julie, stell dir vor, du würdest so einen Mann treffen.“
„Was hat Julie von der Beziehung, außer, dass sie am Ende tot ist?“, fragte Julie.
„Das ist eine berechtigte Frage. Man kann wohl sagen: Sie liebt Danton. Das ist eine Menge, findest du nicht? Einmal wirklich geliebt zu haben im Leben?“
Es war schwer, dem etwas entgegen zu setzen. Julie dachte an die Leere, die Einsamkeit am offenen Dachfenster.
„Wäre es nicht klüger, Danton würde sich nicht umbringen lassen?“, fragte sie.
„Oh ja, sicher, aber man beherrscht oft nicht die Umstände.“ Er sah sie eindringlich an. „Ich fände es berauschend, wenn du deinen Danton treffen würdest.“
„Tja, wo sollte ich den suchen?“, versetzte sie, wohl wissend, dass die Frage nicht einfach zu beantworten war, ohne den mithörenden Autoritäten einen Hinweis zu geben, den sie sicher verfolgen würden.
„Mit der Liebe ist es so“, sagte er, „dass man sie meist nicht findet, wenn man zu sehr sucht. Man kann nur die Augen offen halten. Für die Liebe muss man manchmal Wege gehen, die vorher versperrt waren.“
„Ja“, sagte sie, „du magst Recht haben.“ 
Und sie sah ihm dabei in die Augen und signalisierte ihm, dass sie verstanden hatte.
„Willst du mal heiraten?“, fragte er.
„Oh, ich weiß nicht.“
„Ich habe immer gedacht“, sagte er, „wenn ich einmal heirate, dann möchte ich auf einer Brücke heiraten. Das finde ich wild romantisch.“
Sie mochte die clevere Ironie in seiner Stimme.
„Total romantisch“, bestätigte sie. „Fast so romantisch wie Tretboot fahren.“
Er grinste.
„Es ist schön, dich zu treffen, Julie“, sagte er.
„Denkst du, es wird was mit dem Heiraten?“, fragte sie. „Wirst du wieder gesund werden?“
„Das liegt in Gottes Hand“, sagte er, vollkommen ironiefrei.
„Du bist kein Terrorist“, konstatierte Julie, „sondern ein Romantiker.“
„Ja, damit könnte ich gut leben.“
Sie verabschiedete sich, drückte sachte seine Hand und blickte in seine Augen. Sie hatten einen Pakt, nur wusste Julie noch nicht, worin er bestand. Aber mit dem Blick in seine Augen wusste sie: er war vollkommen sicher, dass sie es herausfinden würde.

Die Freiheit hatte Danton nie losgelassen. Sie zerrte und riss an ihm wie ein wildes Tier. Selbst wenn er versuchte, sich zu sagen, es ist gut, so war es doch nie gut und er musste einsehen, dass jede Heuchelei genauso erbärmlich wie wirkungslos war. Es mochte ihm gelingen, anderen etwas vorzumachen, aber niemals betrog er sich selbst. Vielleicht war es eine Mär, dass man sich selbst belügen kann. Denn kannte man nicht die Wahrheit? Wusste man nicht, wo man stand? Spürte man es nicht? Und worin bestand das Wesen des Lügens, wenn nicht darin, eine Wahrheit zu fingieren, die ausreichte, um den Belogenen in die Irre zu führen. Sie hatten ihn belogen, als sie ihn holen kamen, hatten ihm gesagt, er sei zu einem Gespräch eingeladen, die Leitung sei interessiert an seinen Ideen, und er wusste, dass es eine Lüge war, und er spielte das Spiel dennoch mit, vielleicht aus falscher Rücksichtnahme seinen Eltern gegenüber. Er war noch jung damals, 19, und er wäre ohnehin gegangen, sobald der das nötige Geld beisammen hatte, aber das wäre ein vergleichsweise friedvoller Abgang geworden. Doch dann holten sie ihn. Seine Eltern schämten sich vor den Nachbarn. Ein Dissident im Haus war so etwas wie eine faule Traube in einem hübsch dekorierten Obstkorb. Er hatte zu viel gelesen. Arbeitsam, fleißig, produktiv hätte er sein, und er hätte auf das blicken sollen, was man ihm vorlebte, bei seinen Leisten bleiben, die Spielerei lassen. Er war nicht dumm, er kannte seine Schwächen, seine Fehler, aber es war schlicht falsch, wenn sein Vater behauptete, er wolle zu hoch hinaus. Es ging Danton nie um hoch, immer nur um hinaus. Vielleicht konnte man die anderen belügen, aber sich selbst durchschaute man doch, auch wenn es einem vielleicht nicht angenehm war, was man sah. Darin lag möglicherweise seine größte Stärke: Danton scheute das Unangenehme nicht. 

Eine Brücke. Eine gesperrte Brücke oder möglicherweise eine Brücke am Ende einer gesperrten Straße. Mit heißem Kopf fuhr Julie zurück ins Büro, wo sie zu ihrem Vorgesetzten zitiert wurde.
„Sie haben rein gar nichts herausgefunden“, stellte er fest.
„Nein“, sagte Julie. 
„Sie haben es aber auch nicht versucht.“
„Ich hab ihm gesagt, dass er bekennen kann.“
„Sie haben ihm gesagt, dass er abgehört wird!“
„Ich bitte Sie!“, sagte Julie. „Der Mann ist verrückt, aber nicht dumm. Denken Sie, er weiß nicht, wo er steht?“
Sie war so überzeugend, dass der Vorgesetzte schwieg. Missmutig schob er einen Locher von links nach rechts.
„Er wird vermutlich gesund werden“, sagte er langsam.
„Womöglich wird er das“, bestätigte Julie.
Und sie wusste: Es wäre sein Todesurteil. Der Vorgesetzte schickte sie nach Hause, wo sie lange am Dachfenster stand und sich jede Brücke der Stadt in Erinnerung rief. Sie kramte einen alten Stadtplan hervor, noch aus der Zeit, bevor die Dissidentenzone eingerichtet wurde, und fuhr mit dem Finger den Fluss entlang, eine wilde Fahrt, eine Zeitreise in die Vergangenheit, Marillen und Berggipfel im Abendlicht, das Lachen ihres Bruders und wie er sich den Fuß gebrochen hatte an einem steinernen Treppenabsatz, und schließlich fiel ihr eine Brücke ein, damals noch ziemlich zentral inmitten der Stadt, wo sie Eis gegessen und die Tauben mit Waffelresten gefüttert hatten. Obdachlose schliefen in Zelten unter der Brücke. Graffitis zierten die Brückenpfeiler und von Zeit zu Zeit bröckelten Steine in den Fluss und deckten das wahre Alter der feinen Dame auf, die sich mit Jugendstilgeländern und Gaslampen schmückte. Sie ließ den Stadtplan liegen und zog sich an: Jeans, Boots, ein schwarzer Pullover, über den sie noch einen zweiten, größeren zog, um keine Jacke zu brauchen. Dann schlüpfte sie aus dem Haus und verschwand in der Dunkelheit.

Er war eingeschlafen, einfach so, auf dem Boden, leichtsinnig und furchtlos. Die Kälte spürte er nicht, er war gefühllos geworden, in jeder Hinsicht. Und vielleicht bestand darin die eigentliche Gefahr für sein Leben. Er schlief, auf der Seite, eingerollt in seinen Mantel, und er ahnte nicht, dass er in diesem Moment gefunden wurde. Es wäre leicht gewesen, ihn zu töten, er hätte noch nicht einmal Lärm machen können, er wäre einfach sang- und klanglos gestorben, in einem feuchten, kalten Tunnel, zwischen einer Unzahl von Kabeln und Steckern. Man hätte ihn verscharren und den Tunnel zuschütten können, sein Kapitel wäre beendet gewesen und die Revolution verhindert. Aber nicht die Autoritäten waren es, die ihn fanden, schlafend wie Jona im Bauch des Wals, sondern Julie, geschickt von einem bandagierten Propheten, der den Witz des Schicksals erkannt hatte. Sie hatte Angst ihn zu berühren, denn sie glaubte, er würde hochfahren, sie packen, wie er es schon einmal getan hatte, aber sie konnte nicht ewig dort stehen und auf ihn hinunter blicken, also kniete sie sich hin, streckte ihre Hand auf und strich ihm sachte durch die Haare. Platinblond waren sie, rau und strohig in den Spitzen und dick und weich, als sie ihre Hand hindurch gleiten ließ, behutsam und unsagbar liebevoll. Er bewegte sich im Schlaf, spürte, dass da irgendwas war, drehte sich auf den Rücken und öffnete die Augen. Knallblau waren die, selbst im Halbdunkeln des Tunnels. 
„Wer bist du?“, fragte er.
„Ich glaub, ich bin deine Rettung.“
„Du bist viel zu hübsch, um meine Rettung zu sein. Das wäre eine irre Verschwendung.“
„Hör auf mit der Kokettiererei, okay?
„Ich meine das ernst.“
„Nein, meinst du nicht. Du hältst schon einiges von dir, das kann ich sehen.“
Er lachte.
„Weil ich in nem Tunnel auf dem Boden campiere, meinst du?“
„Das machen nur die ganz Großen“, bemerkte sie.
„Wie ist dein Name?“
„Julie.“
Er betrachtete sie wie etwas lange Vergessenes, verloren Geglaubtes.
„Wie kommst du hierher?“
„Wenn ich dir sagen würde, dass ein gottesfürchtiger Mann mich geschickt hat, könntest du damit etwas anfangen?“
Er setzte sich auf und dachte nach.
„Doch“, sagte er, „durchaus.“
„Er war halb verbrannt, als ich ihn traf“, setzte sie hinzu. 
Seine Pupillen weiteten sich.
„Er wird wieder gesund“, sagte sie.
„Bist du sicher?“, fragte er.
„Es ist ein Wunder. Du musst es bekannt machen. Es muss sich herumsprechen.“
„Damit die Menschen wieder an Wunder glauben?“
„Damit sie ihn nicht abmurksen im Krankenhaus. Es stört die Leitung, dass er kein Terrorist ist. Er stiftet Unruhe und sie können ihn nicht kontrollieren. Sie haben mich hingeschickt, damit ich ihn aushorche.“
„Und?“
„Er lässt sich nicht aushorchen. Er hat mich hergeschickt.“ 
Er schüttelte den Kopf, ein leichtes Abschütteln einer Überzeugung. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht,
„Weißt du, was er mal zu mir gesagt hat? In jedem Heiligen steckt ein Spinner. Das muss er gemeint haben.“
„Ist es ein Ablenkungsmanöver?“
„Ich weiß nicht, was es ist“, sagte Danton. Er sah sie an. „Es tut mir leid, dass ich dich angegriffen habe“, sagte er. „Ich dachte, du beschattest mich.“
„Denkst du es immer noch?“
„Gideon hat dir vertraut, also sollte ich es auch. Er ist klüger als ich.“
„Ja, den Eindruck habe ich auch.“
Er knuffte sie gegen die Schulter. Sie mochte ihn.
„Warum darfst du ins Fitnessstudio?“, fragte sie.
„Hyperaktiv“, sagte er.
„Das heißt, sie meinen, du baust weniger Scheiße, wenn du trainieren darfst.“
„Ich hab immer Scheiße gebaut“, sagte er. „In der Schule schon.“
„Aber du hast dich noch nie angezündet“, stellte sie fest.
Er rieb sich das Gesicht. Dann legte er die Arme locker auf die Knie und betrachtete seine verdreckten Hände.
„Es war taghell auf der Straße“, erinnerte er sich. „Er hat geschrien und geschrien. Ich hab ihn gelöscht, hab ne Decke über ihn geworfen, ich hab sogar mit ihm geredet, aber ich habe ihn nicht erkannt.“
Sie schwiegen.
„Wenn er wirklich gesund wird, wäre ich bereit, an Gott zu glauben“, sagte Danton schließlich.
„Ja, für fünf Minuten“, sagte Julie.
Er sah auf und lachte.
„Gideon hätte das Gleiche gesagt.“

Die Nacht lag schwer auf den Dächern. Träume kreisten über der Stadt. Danton und Julie liefen am Fluss entlang, schier endlos, bis sie alles gefragt, alles bekannt hatten, was ihnen auf der Seele lag. Ihr gefiel sein Lächeln, das still war, viel stiller als er selbst. Er offenbarte ihr seinen Plan: die Dissidentenzone wieder ans Stromnetz anzuschließen. Im Grunde, meinte er, sei sie nie davon getrennt gewesen. Im Grunde hatte man sich nicht mehr Mühe gegeben, als zentrale Leitungen abzuklemmen, ein paar Stecker zu ziehen, mehr nicht. Er erzählte ihr, woher er die Pläne hatte, er berichtete von den Fortschritten, den Rückschritten, den Sackgassen. Davon, wie er aufgeben wollte, diverse Male.
„Was hat dich abgehalten?“, fragte sie.
Und er sagte: „Es lässt mich nicht schlafen. Es brennt in mir.“
Er ertrug keine Ungerechtigkeit. Er sah sie nicht ein. Sie rieb sein Herz wund. Und wenn andere weitermachen, darüber wegsehen konnten, dass die Welt nicht im Gleichgewicht war, dann schön, aber ihn quälte es – unablässig und tiefer als jeder Schmerz, den man ihm noch zufügen konnte. Sie hörte ihm zu, geduldig und aufmerksam, versuchte zu begreifen, wer er war, und irgendwann blieb er einfach stehen, sah sie an, mit diesen knallblauen Augen, die Hände fliegend wie ein Blatt Papier im Wind, ganz im Augenblick, ohne Wollen, ohne Absichten, ohne jede Hemmung, vielleicht gerade eins mit der Welt, und er sagte:
„Gerade würde ich lieber weglaufen.“
Und Julie fragte:
„Bin ich schuld?“
Und er sagte: 
„Ja, das bist du.“
Und dann küsste er sie. Sachte.

Sie holten ihn an einem Montag. Schergen aller Couleur. Ein Gärtner war dabei, ein arbeitsloser Hooligan, ein Doktor der Philosophie, der Sohn des Bankdirektors, eine Rezeptionistin, zwei Studenten, einer der im Schlachthof die Schweine ausbeinte und ein Diplom-Verwaltungskaufmann. Die Bibel stand im Regal zwischen Baudelaire und Salinger und blieb auch dort stehen. Gideon war wieder auf den Beinen. Seine Geschichte war auf jedem Fernsehkanal zu sehen. Danton würde sterben. Die Dissidentenzone lag noch immer im Dunkeln. Julie saß zusammengekauert auf dem Sofa. Danton landete in einer Zelle, in der es nicht mehr gab als ein Bett, einen Stuhl und einen Tisch. Bücher waren verboten. Musik war verboten. Liebe war verboten. Sie hatten im Bett gelegen, einander zugewandt, und er hatte sie gefragt: „Wohin würdest du gehen, wenn es keine Grenzen gäbe?“ Und sie war ehrlich gewesen.
„Weißt du – nicht lachen jetzt, okay? – ich hab Weltraumangst. Es erschreckt mich, wenn ich nur denke, dass ich den Halt verlieren und in einem unendlichen Universum verschwinden könnte. Losgelöst von allem, was mich hält, und auf einem Kurs, der nicht vorhersagbar ist. Einfach durch den Raum schweben und verschwinden, ich weiß nicht, das ist meine schlimmste Vorstellung. Aber vielleicht würde ich dahin gehen.“
Er hatte sie angesehen, ohne etwas zu sagen, und ihr eine Strähne aus dem Gesicht gestrichen, und dann nach einer Weile hatte er gesagt: „Wenn es soweit ist, dann sag Bescheid. Ich leih dir mein aufblasbares Raumschiff.“
Jeder Atemzug schmerzte. Alles war taub. Er hatte keinen Lärm gemacht und war einfach mitgegangen. Er würde nie erfahren, wer oder was ihn verraten hatte. Aber Julie dachte in jedem Moment: „Bin ich schuld?“ Und ihre Antwort war nicht eben heilsam. 
Julie wollte, dass die Welt sich änderte. Sie wollte ihn zurück. In diesem einen Moment, am Fluss, hatte ihr Leben eine Wendung genommen, mit der sie, in langen Nächten am Dachfenster stehend, nie gerechnet hatte. Und vielleicht hatte sie geglaubt, dass sie ins Unendliche würde fliegen können. In einem aufblasbaren Raumschiff. Sie scheute sich, ihren Laptop zu öffnen. Es gab Livestreams aus den Gefängnissen. Ein grausames Spektakel, zu keinem anderen Zweck als dem der Abschreckung eingesetzt. Blasse Gesichter, einsam in einer Zelle, in der es nicht mehr als ein Bett, einen Stuhl und einen Tisch gab. Bücher waren verboten. Musik war verboten. Liebe war verboten. Es war ein unendliches Sterben, ausgelegt auf Jahre, Jahrzehnte. Und er war dort eingesperrt. 
Sie sah fern, Gideon trat in einer Talkshow auf, inzwischen wurde er gefeiert wie ein Popstar. Sie lag auf der Seite und starrte benommen auf den Bildschirm. Und irgendwann öffnete sie ihren Laptop. Und sie fand ihn, einsam in einer Zelle. Sie wusste so wenig von ihm. Viel zu wenig für ein Leben. Sie hatte ihn nicht fragen können, welche seine Lieblingsband war, wo sie ihn an einem warmen Sommertag finden oder was er seinem fünfzehnjährigen Ich sagen würde, welche Namen er seinen Kindern gegeben hätte oder bloß: Ey, McDonalds oder Burger King? Sie spürte seine Haut auf ihrer Haut, hörte seine Stimme und sie hasste sich dafür, dass sie nicht härter war. Sie betrachtete seine platinblonden Haare, seinen Nacken, seine Hände, die ruhig auf seinen Knien lagen und sie bereute so sehr, dass sie keine Gelegenheit gehabt hatte, sich zu verabschieden. Sie stand am Dachfenster und blickte in die Dunkelheit. Um Gottes Willen, kämpf, dachte sie. Am Freitag stand Gideon vor ihrer Tür und er sah sie an, mit Narben in seinem jungenhaften Gesicht, und er sagte zu ihr: „Es ist soweit.“ Und dann nahm er sie in den Arm, lang und liebevoll, und sie setzten sich an den Tisch und Julie klappte den Laptop auf. Und da war er. Sie sah in sein Gesicht, in seine knallblauen Augen. Er zeichnete mit dem Finger ein Raumschiff in die Luft. Und dann hörte er auf zu atmen.

Die Zivilisation ist ein merkwürdiges Ding. Sie bringt genauso viele Freiheiten mit sich wie Verbote. Um ein Gleichgewicht herzustellen, regelt sie sämtliche Bereiche des Lebens durch, und bringt damit die Welt ins Ungleichgewicht. Sie produziert Ungerechtigkeit und klebt ein Pflaster darauf, das kaum mehr geeignet ist, die Wunde zu verdecken, als vielmehr symbolischen Wert hat und Ablassbrief all derer ist, denen es nicht gelingen will, ihr Gewissen abzustellen. Vielleicht ist es eine Mär, dass man sich selbst belügen kann. Denn kennt man nicht die Wahrheit? Weiß man nicht, wo man steht? Spürt man es nicht? Und worin besteht das Wesen des Lügens, wenn nicht darin, eine Wahrheit zu fingieren, die ausreicht, um den Belogenen in die Irre zu führen. Aber wir irren nicht. Wir wissen, woher unsere Turnschuhe kommen, wer sie produziert hat, wir wissen, dass unsere Autos, unsere Flüge, unsere Erdbeeren im Winter die Erde werden ersticken lassen, wir wissen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken und im Jemen verdursten. Wir wissen, dass nicht alle die gleichen Chancen haben, wir wissen, was wir vernichten, was wir versäumen. Wir irren nicht. Wir ignorieren, was wir wissen. Danton ging es nie um hoch, immer nur um hinaus. Vielleicht kann man die anderen belügen, aber sich selbst durchschaut man doch, auch wenn es einem vielleicht nicht angenehm ist, was man sieht. Darin lag zu Lebzeiten seine größte Stärke: Danton scheute das Unangenehme nicht. Der Tag, an dem in der Dissidentenzone das Licht anging, war ein Donnerstag. Die Leitung saß gerade in einer Krisensitzung zusammen, in einem stickigen Konferenzsaal im siebten Stock, als in der Ferne über den Dächern das erste Licht aufflammte. Und dann, wie ein Lauffeuer, leuchteten die Straßenlaternen auf, erschien Licht in den Fenstern der Häuser, unaufhaltsam wuchs die Helligkeit in die Nacht hinein. Auf alten Werbetafeln waren wieder Wünsche zu sehen, die nie erfüllt und dann vergessen worden waren. Küchengeräte begannen zu surren. Displays wechselten die Farbe und warteten auf Befehle. Die Menschen waren auf den Straßen. Einer streckte den Arm nach oben und zeichnete mit dem Finger ein Raumschiff in die Luft. Und bald waren es Dutzende, Hunderte, Tausende. Eine Geste, schneller als das Licht. 
Liebe sollte nicht der Grund sein, warum man einen Kampf aufgibt.

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