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Abgrund

Annika Büsing, 2020

Am Rande des Steinbruchs lebte ein Mann, der den Abgrund bewachte. Es war seine Aufgabe, darauf Acht zu geben, dass niemand unachtsam etwas hineinwarf, vor allem nicht sich selbst. Der Abgrund sollte unberührt bleiben. Hin und wieder kamen Teenager, auf der Suche nach Unerbittlichkeit, der Neumond zog gelegentlich Gruppen von Verschwörern an, die keine Antworten hatten, kein Ziel, nur grenzenlose Wut. Manchmal schrie jemand hinein in die dunkle, stille Tiefe, doch bisher war jedes Flehen unbeantwortet geblieben. Der Wächter war unbewaffnet. Meist reichte es, dass er sich zeigte, und die Aufrührer verschwanden bald wieder, nachdem sie einen letzten Blick auf das Nichts geworfen hatten, das sich sinnlos, aber verführerisch aus der Erde reckte. Der Wächter hatte keine Anweisungen für den Fall, dass etwas aus dem Abgrund heraufstieg. Man hatte dieses Szenario für unwahrscheinlich gehalten. Doch eines Tages überraschte ein Gast aus der Tiefe den Mann und weckte ihn aus einem traumlosen Schlaf.

Es war kein Geräusch, das ihn weckte, mehr eine Ahnung, ein Gefühl plötzlicher Gewissheit. In der Hütte war es dunkel, die Schatten krochen träge über die Wände, ein Sirren lag in der schweren, stickigen Luft. Der Mann richtete sich in seinem Bett auf und lauschte. Auf seinem Radiowecker waren die Ziffern erloschen. Er knipste das Licht an, nahm seine Armbanduhr vom Nachttisch und warf er einen Blick darauf, um sich zu vergewissern, aber die Zeiger waren stehen geblieben. Er seufzte und stand auf. Er zog sich Hose und Hemd an, nahm eine dicke Jacke vom Haken, schlüpfte ohne Socken in seine schweren Stiefel, die an der Tür standen. Furchtlos öffnete er die Tür, die klare Nachtluft schlug ihm entgegen, sie strömte durch die Nasenlöcher direkt in sein Bewusstsein, er war mit einem Schlag wach. Er war sich nicht sicher, ob seine Stimme zu hören sein würde.
„Hallo?“, rief er, und war erleichtert über ihren deutlichen Ton. Wer auch immer sich da draußen herumtrieb, wusste jetzt, dass er nicht allein war. Das machte ihm Mut. Er schloss die Tür zum Haus hinter sich und ging ein paar Schritte. Der Rasen war feucht und rutschig, allein sein fester Schritt ließ das Gewächs kapitulieren. Er drückte es nieder und hinterließ eine Fußspur, ein Beweis, dass er lebte, Schaden anrichtete, manchmal war es das Gleiche. 
„Hallo?“, rief er noch einmal und jetzt schien seine Stimme von weit unten her widerzuhallen. Als sie verklungen war, war es wieder still. Am Rande des Steinbruchs saß jemand.

Sein Herz schlug nun laut, bis unter die Schädeldecke, es war ganz sicher Furcht, ein neues, beinahe unbekanntes Gefühl. Wann hatte er sich zum letzten Mal gefürchtet? Es musste lange her sein, denn hatte man ihn letztlich nicht wegen seiner Furchtlosigkeit zum Wächter des Abgrunds gemacht? Die Frage erschreckte ihn. Stillschweigend war er immer davon ausgegangen, dass sein Mut, seine Unerschrockenheit ihn qualifizierte, aber jetzt, da er in der Kälte der Nacht vor dem Unbekannten stand, das ihm abweisend den Rücken zuwandte, nur ein heller Fleck in der Schwärze, da wurde ihm klar: Sie hatten ihn nie gefragt, ob er furchtlos war. Hatte nie einen Beweis gefordert. Er blickte auf den Rücken, den Schopf, und er vermutete, es sei erneut ein Teenager, der versuchte die Poesie des Wesentlichen aufzuspüren. Er ging weiter, näherte sich langsam dem Eindringling. Es erschien ihm profan, noch einmal „Hallo“ zu rufen. Als er sich bis auf zwei Schritte genähert hatte, drehte der Fremde sich um.

Es war ein Kind. Vielleicht neun, vielleicht zehn Jahre alt, dreckig, mit trübem Blick und aufgesprungenen Lippen. Er sah den Mann misstrauisch an. Einen Moment lang lag die Spannung beinahe greifbar in der Luft.
„Bist du der Chef hier?“, fragte der Junge.
Seine Stimme klang heiser, wie etwas sehr Altes.
„Ich passe auf“, sagte der Wächter.
„Worauf?“
„Auf den Abgrund.“
Der Junge schnaubte. Es mochte da, wo er herkam, ein Lachen sein.
„Nichts, worauf es sich lohnt, aufzupassen“, sagte er. „Du verschwendest deine Zeit.“
„Es ist mein Job“, sagte er Wächter.
„Du verschwendest deine Zeit“, wiederholte der Junge unbeirrt.
Er drehte sich weg und holte etwas aus seiner Hosentasche. Erst als das Feuerzeug aufflammte, erkannte der Wächter, dass es Zigaretten waren.
„Bist du nicht etwas zu jung zum Rauchen?“
„Bist du nicht etwas zu alt, um dumme Fragen zu stellen?“
Sein Blick war so geringschätzig, dass er den Wächter durch die Dunkelheit hindurch beschämte. Der Junge nahm einen tiefen Zug von der Zigarette, deren Spitze das einzige Licht im Umkreis von zehn Metern war. Von der Hütte her hörte man ein Jaulen.
„Was ist das?“, fragte der Junge.
„Mein Hund“, sagte der Wächter.
„Sperrst du ihn in einen Zwinger?“
„Ja, hinterm Haus.“
„Gibst du ihm zu fressen?“
„Natürlich gebe ich ihm zu fressen.“
Der Junge nickte und zog an der Zigarette. Sein Haarschopf war dunkel, wild. Seine Augenbrauen genauso, die Züge seines Gesichts waren paradoxer Weise weich. Sie straften die Verachtung, die er dem Wächter entgegen spuckte, Lügen.
„Du, hör mal, es ist verboten, den Abgrund zu betreten.“
„Ach ja?“
Zum ersten Mal lachte der Junge. Es klang wie ein Schellen, weit weg. Er sah auf, dem Wächter direkt in die Augen, als wolle er ihn lesen. Aber es schien schnell, als lohne sich die Lektüre nicht.
„Das ist komisch“, sagte er. „Es ist nicht davon auszugehen, dass das jemand möchte.“
„Es kommen schon manchmal Leute her“, sagte der Wächter. „Sonst wäre ich nicht hier.“
Der Gedanke, dass er seine Zeit verschwende, hatte sich bereits in seinem Kopf eingenistet, wie ein lästiges Piepen im Ohr. Er schwang mit, als er sprach, ruhte bewegungslos, als er schwieg. Der Junge bewegte den Kopf ein wenig. Prüfte offenbar, ob die Muskeln seines Nackens ihn noch hielten. Er zog an der Zigarette, dachte nach.
„Weißt du“, sagte er. „Es gibt da unten nichts, was irgendwie erstrebenswert wäre.“
„Aber das wissen die Leute ja nicht“, sagte der Wächter.
„Wie können sie denn etwas wollen, von dem sie nicht wissen?“
Die Frage hing in der Luft. 
„Tja, ich weiß nicht“, sagte der Wächter schließlich. „Ich schätze, sie sind neugierig.“
Der Junge nickte wissend. Selbst darin lang etwas, das sagte: Wie einfallslos. Der Wächter hatte sich lange nicht so dumm, so überflüssig, so nackt gefühlt. Er wusste nichts. Nicht, warum er seine Zeit verschwendete, nicht was am Boden der Tiefe war, nicht was die Leute, die er davon abhielt, sich dem Abgrund zu nähern, dazu trieb, sich dem Abgrund zu nähern. Er hatte nie gefragt. So wie ihn nie jemand gefragt hatte, ob er mutig war. Aber vielleicht brauchte es auch keinen Mut, Wächter des Abgrunds zu sein, vielleicht brauchte es Gleichgültigkeit. Plötzlich war ihm kalt. Der Junge nahm indes einen letzten Zug von der Zigarette und warf die Kippe in den Abgrund.
„Man kann den Abgrund gar nicht betreten“, sagte er. „Das weißt du doch, oder?“
„Man kann sich hineinstürzen“, sagte der Wächter. „Hineinfallen.“
Der Junge stand auf. Seine Stimme war tiefer, jetzt da er sich aufgerichtet hatte.
„Oder hineingestoßen werden“, sagte er.

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