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Fabian

Annika Büsing, 2019

Mit zehn flog er von der Schule. 
Die Diagnose, er zeige „wiederholt unchristliches Verhalten“, erschien ihm falsch. Ihm „unchristliches Verhalten“ vorzuwerfen, setzte voraus, dass er ein Verständnis christlicher Werte besaß und in ihrem Sinne erzogen worden war. Wer hätte das leisten sollen? Sein Vater war nur auf dem Papier katholisch und seine Mutter eine Träumerin, zu sehr den Wolken verhaftet, als dass sie in der Lage gewesen wäre, ein Kind zu erziehen. Über die Jahre war er zu der Einsicht gelangt, dass es „achristlich“ hätte heißen müssen, und das, obwohl er sich weigerte, die Bücher zu lesen, die im Lehrplan standen, und einen Großteil des Unterrichts entweder versäumte oder verschlief. Wenigstens verhielt er sich nicht mehr „unchristlich“ und war zudem in der Lage, Präfixe der richtigen Bedeutung zuzuordnen. Auf seiner zweiten Schule durfte er bleiben, was den Rauswurf aus der ersten relativierte. Es war nicht von Bedeutung, dass er verstummte. Verstummen wurde mit Anpassung gleichgesetzt und als Erfolg gewertet.
21 Jahre nach seinem Ausschluss von der Schule wurde er erneut mit Vorwurf konfrontiert, er verhalte sich „unchristlich“. Ein Nachbar beschwerte sich, dass er an am ersten Weihnachtstag Wäsche wusch, staubsaugte und einen Song in Dauerschleife laufen ließ, der für sich genommen schon als „unchristlich“ hätte gelten müssen, hätte der Nachbar nur den Text verstanden. Er sagte nicht „Tut mir leid.“, auch nicht „Wusste ich nicht.“, er sagte einfach gar nichts, schloss die Tür hinter dem Nachbarn, machte die Musik aus, ließ die Waschmaschine weiterlaufen und starrte an die Decke. Er war sich sicher, dass sie sich auf ihn herabsenkte, jeden Tag ein Stückchen weiter, dass sie ihn eines Tages erdrücken würde, vielleicht im Schlaf, nachdem er eine stattliche Anzahl an Monaten oder sogar Jahren in zunehmend gebückter Haltung würde verbracht haben. Auf dem Küchentisch lag ein Buch, unangerührt, seit er es ausgepackt hatte. Es war mit der Post gekommen, auf dem Paket hatte kein Absender gestanden, und so lebte er seither in Ungewissheit darüber, wer beschlossen hatte, dass er es lesen sollte. Er nahm es in die Hand, legte es wieder weg, dann blickte er aus dem Fenster auf den milchig-grauen Tag, der in jämmerlicher Weise vorgab, ein Wintertag zu sein. In den Fenstern hing hier und da ein beleuchteter Stern, in den Vorgärten Lichterketten. Die Straße war zugeparkt, die Leute strömten zu ihren Verwandten und brachten Geschenke und Essen mit, die Autos ließen sie, wenn notwendig, in zweiter Reihe stehen, und brachten damit die Nachbarn ihrer Verwandten auf die Palme, die wiederum im Aufbruch zu ihren Verwandten begriffen waren. Jemand hupte. Es klang sehr weihnachtlich.

Meine kleine Schwester singt im Chor, was zur Folge hat, dass wir „als Familie“ gemeinsam zur Kirche gehen, um uns das Chorkonzert anzuhören. Meine kleine Schwester ist dreizehn, halb so alt wie ich, und gereicht der Familie insofern zu Ehre, dass sie nicht allein hübsch ist, sondern auch klug und engagiert, ein Sonnenschein. Vor der Kirche trifft sich der ganze Stadtteil. Alle sind fein angezogen, manche der Damen tragen sogar Hut, den sie am Portal, demütig vor ihrem Gott, der doch seinen Sohn für sie gegeben hat, abnehmen und während des Konzerts auf dem Schoß balancieren. Mein Vater schüttelt viele Hände, schütteln kommt diesbezüglich oft vor waschen. Meine Mutter ist ohne Hut gekommen, dafür drückt sie sich von Zeit zu Zeit ein Tuch gegen den Mund, denn meiner Mutter wird häufig übel vom Geruch anderer Menschen. Meine Brüder haben ihre Frauen und Kinder mitgebracht, alle in Windeln gewickelt, wie das Jesuskind vorne in der Krippe. Sie nehmen sie auf den Schoß. Sie haben überkommene Rollenbilder restlos überwunden und sind moderne Männer. Ich sitze am Rand der Kirchenbank, mir ist heiß in meiner Winterjacke, und mir ist vermutlich weit übler als meiner Mutter, aber ich habe kein Tuch, es mir vor den Mund zu halten, kein Geld, es für ein Tuch von solch kostbaren Stoff zu auszugeben, und keinen Bock, einem dieser Wichser von meiner Schwangerschaft zu erzählen.

Er war draußen. Der Himmel kam näher. Die Stadt war wie leergefegt, die Geschäfte geschlossen, über den Gehweg wehten Reste von Papier und Blätter von Bäumen, die nicht länger lebendig wirkten. Eine Welt war das, in Anthrazit gemalt, mit dem Zweifel an der Menschlichkeit, mit den Fingernägeln, spöttisch und hasserfüllt zugleich. Es wurde dunkel. Vor ihm lag das neue Jahr, von dem sie sagten, es beginne unter einem guten Stern, wenn man dankbar sei für das alte. Leute, die er kannte, schrieben das unter ihre Fotos bei Instagram. Das war lange nicht der einzige Grund, warum er sie mied. Es waren ihre Heiratspläne, die Herzchen-Emojis, der Hashtag #bridetobe, die nicht enden wollenden Urlaubsbilder aus Thailand und Südafrika, ihre Angepasstheit, ihre sauber rasierten Bärte und blondierten Haare, ihre lackierten Fingernägel, ihre sauberen Klamotten, ihre dreckigen Geheimnisse. An manchen Tag machte ihn das wütend, oft bloß müde, und er konnte doch nicht aufhören, teilhaben zu wollen. Er legte sich Sätze zurecht, die er würde sagen können, wenn er die Anderen auf dem Weihnachtsmarkt traf. Sie würden den Unterschied nicht merken, wenn er in eine dicke Jacke gepackt war, wenn er vielleicht sogar einen Becher Glühwein in der Hand hielt. Er war wie sie. Abitur, Studium, ein Job – Was machst du nochmal? Er zahlte Miete, zahlte Steuern, besaß ein Smartphone. Er hatte einen Bart, alle trugen Bart. Dieser Rest Punkattitüde, der ihm anhaftete, der war freilich verzeihlich, denn hatten nicht alle so einen in der Stufe gehabt? Ist doch auch gut, wenn man nicht so angepasst ist, du hast ja immer deine Meinung gesagt. Er antwortete nicht: „Du irrst dich.“ Er hatte nie seine Meinung gesagt. Sie hätte auch niemanden interessiert. Seinen SoWi-Lehrer vielleicht, aber bei dem gehörte das zum Anforderungsprofil seines Berufes. Er antwortete nicht: „Du irrst dich.“, weil er nicht auf den Weihnachtsmarkt ging, weil er nicht auf Menschen traf, die ihn hätten kennen können. Im Gehen steckte er die Hände in die Taschen. Ihm war kalt. Er trug auch keine dicke Jacke. Das vielleicht machte ihn verdächtig.

Herbei oh ihr Gläubigen. Was gibt es zu sehen? Ein Kind in einem Futtertrog. Es steht ihm Übles bevor: Angst, Einsamkeit, Hinrichtung mit 30. Aber noch steht der Stern über dem Stall. Das soll vorkommen. Siehe, ich verkündige euch große Freude. Endlich kommt einer, der euren Scheiß aufkehrt, der den Kopf für euch hinhält. Klar kann man da kurz mal ausrasten. Halleluja. Mein Bruder streitet im Flüsterton mit seiner Frau über die Frage, ob Jonas jetzt eine neue Windel bekommt oder erst nach dem Gottesdienst. Es sei ja gar kein Gottesdienst, wendet seine Frau ein. Wie unchristlich sie eigentlich sei, will mein Bruder wissen. Unterdessen drückt meine Mutter sich das Tuch vor den Mund. Es stinkt nach Babykot. Ich frage mich, ob ich das alles aushalten werde, ob ich es wie durch ein Wunder sogar besser machen werde als mein Bruder, wann die Frist abläuft, die die Frau von der Beratung mir genannt hat. Als Jonas geboren wurde, haben meine Eltern den Kinderwagen bezahlt. Sie haben sich Babyfotos in teuren Rahmen auf den Kamin gestellt. Werden sie das auch tun, wenn mein Baby geboren wird? Werden Sie den Besuchern sagen: „Das ist das Kind von Fiona. Sie weiß nicht, wer der Vater ist. Schau mal, seine kleinen Händchen!“? Werden meine Eltern den Kinderwagen bezahlen? Die Frau meines Bruders steht auf, sie trägt Jonas auf dem Arm, und hat die Wickeltasche über der Schulter hängen, als ich sie durchlasse, und ihr moderner Mann bleibt sitzen und lauscht meiner kleinen Schwester sanfter Stimme. Er wird fett. Sein Kinn hängt runter, genauso wie sein Bauch, den er dann und wann einzuziehen versucht. Joy to the world, singen sie, joy to the world.

An der Tankstelle kaufte er eine Dose Bier und einen Schokoriegel. Der Typ an der Kasse war nett, aber er war nur der Typ an der Kasse. Zu dem kannst du nicht sagen: „Lass uns zusammen Weihnachten feiern.“, ohne dass er denkt, du bist durchgeknallt. Er selbst fand nicht, dass er durchgeknallt war. An sich betrachtete er die Welt überaus nüchtern, „negativ“ hatte man ihm gesagt, „ablehnend“, aber es war nicht richtig. Er lehnte die Welt nicht ab, im Gegenteil, es bekümmerte ihn, wie sie mit Füßen getreten wurde. Er war nur kein Teil von ihr, er war sozusagen „aweltlich“ unterwegs. Kann ja nicht sein! Du hast doch einen Job! Zahlst Miete, zahlst Steuern, besitzt ein Smartphone. Du hast einen Bart, alle tragen Bart. Er hatte sich Sätze zurecht gelegt, die er auf so einen Einwand hätte antworten können, wäre er auf dem Weihnachtsmarkt mit Bekannten versackt, mit Leuten von früher, mit Gleichgesinnten. Die meisten dieser Sätze waren Fragen: Also bin ich normal? Denkst du, das geht wieder weg? Soll ich es mal mit Yoga probieren? Kennst du das auch? Wie oft hast du im letzten Jahr darüber nachgedacht, dich umzubringen? 
Er wollte sich nicht umbringen. Er wollte tot sein. Das war ein gewichtiger Unterschied. Und er wollte auch nicht jeden Tag tot sein. Es gab Tage, da wollte er leben. Da wollte er rausgehen, Essen kochen, ein hübsches Mädchen vögeln, vielleicht ein, zwei Bier zu viel trinken, der Sonne beim Untergehen zusehen, auf dem Bordstein sitzen und über die Zukunft nachdenken. An den restlichen Tagen fühlte er oft gar nichts. Und meistens dachte er, das sei besser so. Aber es machte dann eben auch keinen Unterschied, ob er lebte oder tot war. 
Er trank das Bier im Gehen, machte lange Schritte, steckte die linke Hand wieder in die Hosentasche. Die vorbeifahrenden Autos hinterließen ein sachtes Rauschen in seinem Kopf, das ihn zur Ruhe kommen ließ.

Die Frau meines Bruders kommt zurück. In ihrer Bluse sind Knitterfalten. Jonas zappelt, die Geschichte vom Jesuskind flasht ihn nicht so richtig. Aber jetzt singt meine kleine Schwester ihr Solo und deswegen muss Jonas Ruhe geben, das steht schon in der Bibel. Meine Mutter hat ihren mitleidigsten Blick für die Mutter des renitenten Enkelkinds ausgepackt und mein Vater verschränkt die Arme, als höre er dann besser, frei von störenden Interferenzen, wie meine kleine Schwester singt. Ave Maria singt sie, überaus katholisch, und meine Eltern scheinen in dem Glauben zu sein, sie hätten qua Gesang der jüngsten Tochter Anteil an der Reinheit der Gottesmutter. Eine Hand wäscht die andere. Mir wird übel. Ich habe wenig gegessen, aber ein bisschen was wird rauskommen, da bin ich sicher.

Ein paar Münzen klimperten in seiner Jackentasche. Vermutlich hatte er sie beiläufig da reingestopft und sie dann vergessen. Vielleicht hat Gott das genauso so mit den Menschen gemacht. Und wenn sie hin und wieder klimpern, dann schaut er womöglich nach und denkt: Ist bloß Kleingeld. Etwas regte sich zu seiner Rechten. Aus der Kirche, an der er vorbeiging, stolperte ein Mädchen und lief über den Kirchplatz. Es hatte angefangen zu regnen, ein feiner nasser Film legte sich auf den Asphalt wie Staub. Seine Haare wurden nass, hingen ihm in den Augen, nahmen ihm die Sicht. Er strich sie nach hinten, mit der linken Hand, die er zu diesem Zweck aus der Hosentasche nahm, und wie er noch in der Bewegung war, erreichte das Mädchen den Laternenpfahl, hielt sich mit einer Hand daran fest und kotzte auf den Bürgersteig.
„Hoppla“, sagte er.
Sie würgte, ein weiterer Schwall Erbrochenes ergoss sich auf den Boden. Vor Anstrengung tränten ihre Augen. Sie hustete. Er griff in die Gesäßtasche seiner Jeans und zog ein Tuch heraus, das er seit einer Ewigkeit mit sich herum trug. Er hielt es ihr hin. Schweigend nahm sie es. Ob die Tränen, die ihr jetzt über die Wangen liefen, dem Kotzreiz oder einer tiefen Bitterkeit geschuldet waren, vermochte er nicht zu beurteilen.
„War der Messwein nicht mehr gut?“
Sie sah ihn an, wischte sich den Mund mit seinem Tuch ab, überlegte offenbar, ob ihm zu trauen war. Sie hatte helle Augen und dunkle Haare, eine Art Regenhimmel, fand er.
„Ne“, sagte sie und schüttelte den Kopf, „ist halt billiger Fusel.“
Sie beäugte seine Bierdose. Er hielt sie ihr hin. Ein Akt der Nächstenliebe. Langsam trank sie ein paar Schlucke, ging von der Laterne weg, trat aus dem Licht heraus in die Dunkelheit der heraufziehenden Nacht. Sie setzte sich auf einen Betonpfeiler, der Fahrzeuge davon abhalten sollte, auf den Kirchplatz oder gar direkt ins Gotteshaus zu fahren. Sie trug einen Parka und Turnschuhe, die dem Vernehmen nach ein bisschen Kotze abbekommen hatten. Er blieb unschlüssig vor ihr stehen.
„Danke“, sagte sie.
„Nicht der Rede wert.“
„Wieso trägst du so ein Tuch mit dir herum?“
Er zuckte mit den Schultern. Aber das reichte ihr nicht.
„Ich hab das in Prag gekauft“, erklärte er. „In einem Tuchladen.“
„In einem Tuchladen? Was gibt es da? Nur Tücher?“
„Stoffe. Hemden, Tücher, so’n Zeug.“
„Ich hab das versaut jetzt.“
„Ja, ich weiß. Das ist in Ordnung.“
„Sicher?“
„Ich hatte nie irgendeine Verwendung dafür.“
„Warum hast du es gekauft?“
„Ich weiß nicht. Ich konnte es mir leisten.“
Sie lächelte, als würde sie verstehen, was er sagte. Sie nahm noch einen Schluck Bier. Dann stellte sie die Dose auf dem Boden ab.
„Ich kann das nicht austrinken“, sagte sie. „Aber ich kann es dir auch nicht wiedergeben.“
„Dann lass es einfach da stehen.“
„Wie heißt du?“
Das war eine seltsame Frage. Oder vielleicht war es auch nur seltsam, dass sie sie stellte. Klar konnte man auf diese Weise jemanden kennenlernen oder ein Gespräch beginnen. Aber wie viele solcher Gelegenheiten ließ man verstreichen? Hatte er den Typen an der Kasse gefragt, wie er heißt? Er hatte bezahlt, seine Bierdose genommen, war gegangen. Es war nicht von Bedeutung, welchen Namen der Typ an der Kasse trug, er war nur der Typ an der Kasse. Und warum hätte der Typ an der Kasse antworten sollen? Vielleicht wollte er sich nicht offenbaren. So wie Gott Moses an der Nase herumgeführt hatte, als der seinen Namen wissen wollte: „Ich bin, der ich sein werde“ Oh, großartig, danke für’s Gespräch. Oder vielleicht verhielt es sich mit dem Typen an der Kasse wie mit dem Rumpelstilzchen. Vielleicht hielt er sich für so ausgefuchst, dass er glaubte, käme sowieso keiner drauf. Und wenn man dann doch rausfand, dass er Malte hieß, rastete er vielleicht aus und zerriss sich selbst. Man hört ja so allerlei.
„Willst du es mir nicht sagen?“
Sie mustert ihn. Wahrscheinlich hält sie ihn für einen Freak. Es ist ihm unangenehm. Er will vor ihr gut dastehen, obwohl sie diejenige ist, die ihm vor die Füße gekotzt hat.
„Fabian“, sagt er harmlos und erreicht damit, was Winterjacke, Miete, Steuern, Smartphone und Bart nicht vermocht haben.

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